Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1921)
- Date
- 1921-07-01
- Page
- – (sequence 54)
- Language
- German
- Belongs to
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Moderne westliche Ghettoliteratur 316 5SS seinen Sohn Rafael mit Rebekka, der Tochter seines Geschäftfreundes Aaron, vorteilhaft verheiraten, •Rafael aber ist schon heimlich mit dem christlichen Dienstmädchen des Hauses Rose versprochen, durch geschickte Lügenmanöver gelingt es aber Vater Sachel und seiner Schwester Ester das Mädchen Rose von ihrem vergeblichen Hoffen auf Rafael zu überzeugen, in ihrer Verzweiflung stürzt sich das Mädchen in den nächsten Kanal. Dies der Tatbestand. Doch die Milieu- Schilderung ist die Hauptsache. Heyermanns malt die Ghetto- Juden schwarz in schwarz, ein entsetzliches Nachtbild entrollt sich vor unsern Augen. Mit fast von Hass geschärften Blicken leuchtet der Dramatiker hinein in jeden Winkel der abgeschlossenen Welt des Ghetto, wo in dumpfen, lichtlosen Gassen und Häusern, in mittelalterlicher Abgeschiedenheit enggeistiges Volk zusammengepfercht hindämmert. Die Ghettomauern, sagt Heyermanns, sind gefallen, aber ihre Bewohner sind noch versunken, erstarrt in Vorurteilen und niemals wechselnden Gedanken. ״Macht euch selbst erst frei von den Schlacken der Jahrhunderte, von dem Schachergeist, der eure Sinne beherrscht, von dem jüdischen Kastengeist, der nur Schranken aufrichtet zwischen den Religionen und Völkern, wo es nur Unterdrücker und Unterdrückte gibt״, so ruft Rafael, das Sprachrohr des Dichters, aus. Als Sachel, der blinde Vater Rafaels, erklärt: ״Ein Raubtier muss man sein beim Geschäftemachen״, da bricht der ganze Groll des Sohnes, des Typus des neuen Menschengeschlechts, gegen diese Logik los: er, Rafael, lebt in einer ganz anderen Welt, wo kein Unterschied ist zwischen Jude und Christ, in einer Welt mit einer höheren idealeren Moral, und so geht es in vollem Pathos weiter. Leider ist dieser Prophet einer höheren Gesellschaftsmoral, eines besseren Menschheitsglaubens eine wenig glaubhafte dramatische Figur, wir verstehen diese Deklamationen wenig. Der Held Rafael verrät so wenig Wirklichkeitssinn, er stellt so verstiegen ideale Forderungen, dass die Völker schon aus lauter unirdischen Wesen und Engeln bestehen müssten, um diese Forderungen zu erfüllen. Und wodurch kommt Rafael zu