Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1921)
- Date
- 1921-07-01
- Page
- – (sequence 53)
- Language
- German
- Belongs to
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Moderne westliche Ghettoliteratur zn G 0 r d i n, M. Rosenfeld und Zangwill. Hier kommt der ganze Weltschmerz des Juden, das ganze unendliche Golusleid des Volkes, das grosse gigantische Schicksal, das die Vergangenheit und die kommenden Tage des Judenvolkes belastet, die ganze Lebensfülle seiner Volkswesenbeit zum erschütternden Ausdruck. Was das heimatflüchtige Volk seelisch leidet und ersehnt, seine Phantasien und Königsträume, aber auch seine tiefsten Erniedrigungen und Verirrungen — alle sind hier Keim und künstlerische Triebkraft. Doch ist hier die Poesie keine Heuchlerin, die das Wirkliche verschleiert, Unschönes verbirgt, keine Apologetik wird getrieben und etwaige Charakterfehler des Juden nachsichtig vertuscht, retuschiert. Sondern der Dichter wird hier zum Richter, zum strafenden, mahnenden Volkstribunen, der selbst schonungslos die dunklen Seiten des Volkscharakters aufdeckt und anklagt. Im engen Kreis verengert sich der Sinn, so lehren diese Dichter, die Seele wird oft rissig und zerstückelt, die Wundmale der Schande prägen sich ein, die dumpfe Ghettoluft stumpft die Sinne, und der Genius der Schönheit und Freiheit flieht die Stätten dieser Kinder der Nacht. Drei Typen der Westghetto darsteiler wollen wir beute näher rücken1): Heyermanns den Dramatiker, Rosenfeld den Lyriker und Zangwill den Epiker und Romancier. Hermann Heyermanns ist der Dichter der jüdischen Nachtasyle, wie sie sich im Amsterdamer Ghetto vorfinden. In seinem seinerzeit vielbesprochenen Drama: ״Ghetto1898) ״) bat er sich als schonungslosester Kritiker seiner Amsterdamer Stammesbrüder vorgestellt. (Vorher batte er in seinem Roman ״Diamantenstadt“ das Elendleben der Amsterdamer Diamantenschieifer realistisch geschildert). Die Handlung des Dramas ist in wenig Worten diese: Der blinde Sachel der Trödler will *) Ueber die neuesten jüdischen Dramatiker wie Arnold und Stefan Zweig. R. Beer-Hoffmann u. a., die schon eine Abkehr vom Realismus zu neuerwachtem Romantizismus mit einem Einschlag von Mystik darstellen, soll in einer späteren Studie gesprochen werden.