Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1921)
- Date
- 1921-07-01
- Page
- – (sequence 52)
- Language
- German
- Belongs to
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314 Moderne westliche Ghettoliteratur verfolgte Unschuld, s. Jeschurun, Bd. VI423ff.), I. I. David, Meyrink (Der Golem), und Max Brod (Jüdinnen). Doch all diesen Werken fehlt das Naturechte des Ghettos, das wurzelhafte Kulturmilieu des Juden, Die hier auftretenden Juden sind schon ganz und gar emanzipiert, die Ueherlieferung ist zerbröckelt. ״Ein andächtiger Schauer überläuft den böhmischen Juden, wenn er an die Altneuschul in Prag, an die Gestalten des Hohen Rabbi Lob, an Jonathan Eibenschütz, Jecheskel Landau denkt, dies ist einer der wenigen historischen Züge, die ihn noch mit der Vergangenheit Zusammenhalten.״ Doch hat dies bischen Pietät wenig Einfluss auf die Gestaltung seines Lebens. Dem böhmischen Juden fehlt jeder Fanatismus, seine ganze weichliche Natur ist dem Kompromiss der Assimilation zugeneigt, ihm fehlt jeder nationale Zug, jedes religiöse Eigenleben, ganz im Gegensatz zu Polen und •Russland, wo die Juden ein nationales und religiöses Gepräge mit eigenen Lebensgesetzen bewahrt haben. Dasselbe Bild zeigt der böhmische Ghettoroman. In der böhmischen ״Gass״ (Die Gasse, vgl. auch das in Amerika erschienene: Idylls of the Gass und Schimmele von Martba Vf olfenstein) gibt es kein Heldenpathos, auch keine ״artistischen Modelle״, keine grossen Konfliktstoffe, sie sind alle zu woblbehäbig, um Märtyrer oder besondere Denker zu liefern. Der einzige tragische Konflikt in all den Romanen ist mit einzelnen Variationen eine Heiratsgeschichte zwischen Personen ungleichen Standes oder gar Glaubens, sehr bald siegt der Toleranzstandpunkt, die Ehe kommt zustande. In all diesen Geschichten ist nichts Aufwühlendes, nichts Blut- und Glutvolles (auch nicht in dem Jugendwerke ״Jüdinnen״ des jetzt so nationalbewussten Max Brod), das Judentum ist ihnen nicht Herzenssache, es sind Gesellschaftsromane, nur sind die Figuren mit jüdischen Namen und Etiketten versehen, Judentum ist Staffage. Diese Werke haben für uns höchstens kulturhistorischen Wert ethnographischer SchilderuDgen. In eine ganz andre Welt treten wir hei den Ghetto- Schilderungen eines Heyermanns, Schalom Asch, Samuel