Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1921)
- Date
- 1921-07-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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272 Der konsequente Nationalismus all seinem Kampfesmut fast nichts erreicht. Er hat das nationale Bewusstsein gestärkt ohne nationales Sein zu fördern. Er hat die Assimilation als Idee vereitelt, nicht aber als Wirklichkeit. Der stille Assimilationsprozess vollzieht sich auch in der jüdischen Moderne unaufhaltsam. Kann der mit grossem Aufwand fremdsprachlicher Formkraft modernisierte Chassidismus als Neubelebung des verschütteten Judentums verherrlicht werden? Oder das vom modernen Nationalismus und Zionismus sanktionierte Amhaareztum als Renaissance gedeutet werden, das Literatentum, das in einer bedenkliehen Massenproduktion den jüdischen sowie nichtjüdischen Büchermarkt überschwemmt und nur den nationalen Kitzel oder die Sensationslust der Exotik zu befriedigen vermag? Vermochte dieser Nationalismus uns aus dem Sprachenexil zu erlösen? Darf die Wiederbelebung des jüdischen Empfindens als eine grosse Tat gebucht werden? Gähnt nicht eine unermessliche Kluft zwischen der absterbenden Generation des traditionellen Juden und dem im neuzeitlichen Nationalismus gezüchteten Judentypus. Dort die innere Geschlossenheit, der Adelsstolz, das unerschütterliche Bewusstsein des eigenen Wertes und trotz aller Leiden ungetrübte Heiterkeit, hier Zwiespältigkeit und Zerrissenheit, der moderne Judenschmerz mit seiner Weichlichkeit und Selbstironie. Wo finden wir in diesen Reihen die klare Selbstbesinnung und die unerbitterliehe Anklage gegen die Völker der Umgebung und ihre Religion, deren Bankrott sich ja nicht erst im Weltkrieg erwiesen, die seit achtzehn Jahrhunderten christliche Liebe gepredigt und Heidentum gelebt. Kein Wunder! Ist ja ihr eigenes Bewusstsein christlich gefärbt, dem Zauber christlicher Mystik erlegen! Nein, diese Mittel sind unzureichend. Die aussergewöhnliehe Lage des Volkes erfordert ausserordentliche Mittel der Verteidigung und der Abwehr. Wir müssen uns mit dem Bewusstsein durchdringen, dass wir im Galuth in dauerndem Kriegszustand leben. Wir müssen der Assimilation in allen ihren Formen den Krieg bis aufs Messer erklären, den Assimilanten, auch den Halbassimilanten brandmarken, den Völkern unser nationales Fremdsein ununterbrochen ins Gehirn hämmern, den