Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1921)
- Date
- 1921-05-01
- Page
- – (sequence 152)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Sephirazeit usw. 261 jeder Unpässlichkeit und zum Professor eilt bei jedem Verdacht einer ernsten Krankheit, die ihr nicht Ruhe und Rast kennt, um ihm für alle Zukunft ein sorgenfreies Dasein zu gestalten, wollt ihr nicht an jene ungeheure Zahl von Kindern denken, die auch in Schmerzen geboren, die das Leben ihrer Mütter waren, von Müttern, die mit ihrem Herzblut alles für ihre Kinder dahingegeben? Wollt ihr nicht des Augenblicks gedenken, da diese den Tod vor Augen sahen und als das Furchtbarste das Schicksal ihrer Kinder ihnen vor Augen stand? Meint ihr, weil es russische Juden waren, weil sie nicht auf Teppichen dahinschritten und, seidenumrauscht in den weichen Sesseln gelehnt, das neueste Buch von der Seele des Kindes lasen, sie hätten nicht das gleiche bis in die tiefste Wurzel des Unbewussten reichende Empfinden gehabt für ihr Kind? Ihr irrt, denn dem von der Moderne unberührten, dem mit der ursprünglichen Natur verbundenen Mutterherzen ist das Kind noch mehr, weit mehr als euch! Und diese Kinder sterben ein grauenhaftes Sterben, sie verkommen in Schmutz und Elend, sie hungern. Sie hungern! Habt ihr je in die Augea eines Kindes gesehen, das hungert? Nein, denn ihr, denen das Herz krampfhaft zusammenzuckt, wenn ihr das Schreien eures Säuglings ׳ hört, dem nur kurze Zeit die Nahrung entzogen, ihr könnt nicht stille bleiben, angesichts des hunüerttausendfältigen Jammers. Sollen es denn immer leere Worte sein, die wir an unserm grossen Trauertag vor uns herplappern, sollen wir denn auch, da uns die göttliche Vorsehung lebendige Zeugen werden liess des in den Klageliedern Geschilderten hart, kalt und fühllos bleiben bei den Worten: ״In Thränen schwinden meine Augen dahin, mein Inneres glüht, der furchtbarste Schmerz packt mich bei dem Unglück meines Volkes, wenn Kinder und Säuglinge verschmachten in den Strassen ^der Stadt.״ Und denkt nur was aus den überlebenden Kindern wird, wenn sie dem Tode entrinnen. Wie sie heranwachsen, unbebütet von der Sitte eines jüdischen Familienlebens, preisgegeben allen zerstörenden und verheerenden Einflüssen zur Zuchtrute des Judentums. Die Seelen alle, die am Sinai gestanden, auch sie