Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1921)
- Date
- 1921-05-01
- Page
- – (sequence 123)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2292929-2293004-2293007--04995-2298276- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
282 Jacob Steinhardts Graphik. Dies gibt Steinhardts Werken die eigentlich künstlerische Note, dass man von ihrem ״literarischen״ Gehalte absehen könnte. Zwar berühren wir schon wieder das oben angedeutete Problem von Inhalt und Form, aber in einem anderen Sinn. Als allgemein menschliche Inhalte stehen seine Gestalten vor uns: Fliehender und Verfolger, Trauer, Verzweiflung, religiöse Ekstase, Angst vor der Welt, ein ewiges Fürchten und Zittern, aufsteigend aus der Seele der in ewiger Pein ihr Dasein Vollendenden. Absehen aber kann man rein künstlerisch von der besonderen Bedeutung, die alle diese Motive noch für das jüdische Bewusstsein haben. ״Typisch“ sind sie, in einem ganz bestimmten Sinne weltanschauliche Symbole, doch einzig entflossen dem jüdischen Kulturbewusstsein. Hier also hat man ein erleuchtendes Beispiel, wie Kunst, irgendwie immer milieuhaft gebunden, weil vom menschlichen Schicksal durchglüht, ihre menschlichen Grenzen sprengt und ins Allgemeine, Kosmopolitische schreiten muss. Unmittelbar gewiss ist Steinhardts jüdisches Künstlertum, ebenso gewiss seine allgemein menschliche Bedeutung. So begreifen wir sein graphisches Werk. Denn nicht jedem Künstler darf man sich aus diesem Doppelaspekt nähern. Die Alltäglicheren begnügen sich an einer Anekdote; Naturalismus, Impressionismus, alle Formen des Expressionismus geben Beispiel genug. Die Grössten entschreiten prophetisch jeder erzählerischen Situation, und wras sie gestalten ist Uebersinniiches und noch nie Geschautes. So hat z. B. Rembrandt sein Werk geschaffen. Anders Steinhardt Er verbleibt im soziologisch Begrenzten, aber umgibt es mit allen Möglichkeiten, die im soziologisch Begrenzten erfüllbar sind. Er gestaltet das jüdische Leben, aber aus reichsten Kräften und im ־weitesten Sinn. — (So oder ähnlich schuf M e n z e-1 die Geschichte Friedrichs des Grossen, G oya die Greuel des Krieges). Ein bewusstes oder innerlich erzwungenes Festgehaltenseia von einem bestimmten Daseinskomplex, der zugleich individuell-einmalig und typisch-allgemeingültig gestaltet wird, gewisser!nassen ein ״alogisches"