Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1921)
- Date
- 1921-05-01
- Page
- – (sequence 95)
- Language
- German
- Belongs to
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204 Glaube and Ritus.י noch so sehr den alten Lebensformen gleichen. Von verschiedenen Seiten dringt man auf ״Erneuerung“. Doch finde ich, dass Y0n den ״Erneuernden“ noch nichts vorgeschlagen oder vorgelebt worden ist. was befriedigen könnte. Auch ich glaube an eine Erneuerung des Judentums. Aber sie ist nur in denen möglich, die einen starken Glauben, also Sinn für das Geheimnis und für die Wahrhaftigkeit (für beide in gleichem Masse) haben. Das Geheimnisvolle, das scheinbar Absichtslose, hinter schrullig aussehenden Vorschriften Verborgene, — dieses stille and bescheidene Leben des jüdischen Volksgeistes gilt es ganz tief im Herzen zu empfinden, nachzubilden womöglich. Ein gigantisches Beispiel ist die Ueberlieferung des hebräischen Bibeltextes. Sie geschah unter den merkwürdigsten Vorschriften und Veranstaltungen. Gelehrte einer eigenen Schule, die Massoreten, zählten die Buchstaben jedes einzelnen Buches, stellten z. B. fest, dass der Buchstabe Aleph vierzigtausendundetlichemal in der Heiligen Schrift vorkommt, konstatierten zur Sicherheit, weiches das mittelste Wort und der mittelste Buchstabe in jedem Bibelbuche sei usf. Die Vorschriften, die beim Abschreiben des Textes beachtet werden mussten und noch heute beachtet werden, sind minutiös und so anstrengend, dass der Abschreiber sich gratulieren kann, so oft er eine Seite fehlerlos zu Ende bringt. Es wird von Fällen erzählt, wo selbst der geübte Schreiber eine Seite zehn- und zwanzigmal verwerfen musste; denn es ist streng verboten, ein Manuskript, das nicht ganz korrekt, den religiösen Anordnungen gemäss kopiert ist, in Gebrauch zu nehmen. — Uebertriebene, lästige Sorgfalt? Und doch verbirgt sie ein tiefes Geheimnis. Man lese nur in einer Kirchengeschichte (in einer christlichen, z. B. von Kaulen) die Geschichte der Bibelüberlieferung nach. Zum Erstaunen der Gelehrten sind alle hebräischen Handschriften fast völlig gleichlautend. Und dabei stammen sie doch aus einer Zeit, in der das Judentum schon in der Zerstreuung lebte. 0 erhabene Treue des zersprengten Volkes, über alle Küsten hin gerissen, fast ohne Zusammenhang, und dennoch den geheimnisvoll ge-