Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1921)
- Date
- 1921-05-01
- Page
- – (sequence 94)
- Language
- German
- Belongs to
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Glaube und Ritus. 20S dass sie sich als ein Schöpferisches darstellen, an dem der Einzelne von Natur aus und nicht erst kraft historischen Wissens teilnimmt. Geheimnisvoll ist der Zusammenhang der Religionsformen mit dem Leben des jüdischen Volkes. — Man bemüht sich manchmal einen rationalen Zusammenhang zu konstruieren, so z. B. gewisse religiöse Vorschriften als ״hygienische״ Massnahmen •zu deuten. Das ist natürlich ein Irrweg. Der Zusammenhang liegt tiefer. Er ergreift als Totalität der Normen die Totalität des jüdischen Volkslebens. Gewisse religiöse Normen gleichen der Schilddrüse, deren Funktion für das Gedeihen des menschliehen Körpers man lange nicht verstand, die man für überflüssig zu halten begann, — bis plötzlich ihre lebenswichtige Bedeutung im Licht neuer Forschungen hervortrat. So haben gewisse religiöse Vorschriften schon im Altertum das jüdische Volk vor der Hellenisierung, im Mittelalter und bis heute vor der Assimilation geschützt. — Unsere liberalen Grosseltern waren sehr klug. Sie fanden den Gebetsatz ״Nächstes Jahr in Jerusalem״ überflüssig; die Begeisterung der nächsten Generation aber stellte gerade diesen, von ״fortschrittlichen״ Rabbinern vielfach schon gestrichenen Satz in den Mittelpunkt. — Der Vorschrift, dass zehn Männer nötig sind, um gewisse Gebete verrichten zu können, mag manche mystische Absicht zugrunde liegen. Ihre praktische Folge aber war, dass die völlige Zersplitterung der Juden und die damit verbundene Assimilation verhindert., die Gemeindenbildung erleichtert wurde. Aehnliche Wirkung hatten die so bizarr anmutenden Speisegesetze. So ist fast überall zwischen der offenen und der geheimen Absicht eines Gesetzes zu unterscheiden. Und immer noch hat der geschichtliche Ablauf ex post gezeigt, dass die religiösen Bestimmungen des Judeniums klüger sind als ihre klügsten Interpreten. — In unbegreiflieber Instinktlosigkeit verleugnet heute mancherorts die jüdische Orthodoxie den Zusammenhang der jüdischen Religion mit dem jüdischen Volkstum. Das deutet darauf hin, dass die über־ lieferten Formen heute nicht mehr ausreichen, dass sie ihren mnern Sinn zu verlieren beginnen, mögen sie von aussen her