Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1921)
- Date
- 1921-05-01
- Page
- – (sequence 91)
- Language
- German
- Belongs to
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200 Glaube und Ritus. Zwischen beiden, gewissermassen an der Grenze zwischen Objekt und Subjekt lagert Wahrheit. Sie wird eben noch vom subjektiven Erleben des Menschen erreicht, ihre Stütze aber und magische Gewalt liegt schon ausser ihm, im Geheimnis. Deshalb ist Wahrheit das Offenkundigste und doch zugleich das Verborgenste, sie ist: Offenbarung des Verborgenen. Welches sind nun Formen der Wahrheit und des Glaubens an sie? — Der Satz z. B.: das Wahre in mir kann nicht verloren gehen. Es kennt schon den Weg, wenn auch ich ihn nicht kenne. — Oder: ״Sie“ reagiert nur auf Wahres, auf das echte tiefe Gefühl in mir, nicht auf meine Komödien. Oder: ein wahrhaftiges und wahrhaftig ausgesprochenes Gefühl kann nicht ohne Wirkung bleiben. Ein Verlogenes kann nicht wirken wie ein Wahres. — Dies ist auch das Erlösende in der Kunst: dass nur die echte Leidenschaft eines Künstlers, sein Muss, das, was er aus der Fülle schafft, Bestand hat, — dass man die Fülle des Herzens (sei es auch eines verzweifelten Herzens) herausspürt. Daher wirkt ein Kunstwerk, wenn es auch vom Allertrübsten handelt, doch so, dass man wieder Lust bekommt zu leben. Obwohl das Werk vom Aufhören dieser Lust handelt. — Weil Wahrheit darin ist; und durch die Wahrheit erkennen wir da3 Absolute, wir verzweifeln nicht. So ist es mit ehrlicher Liebe, ehrlicher Tat. Nur diese haben Geltung, In ihnen wird kraft der Wahrheit die andere, die absolute Welt fühlbar. Daran kann man sich halten, das ist Gott. Ich glaube an das Geheimnis. — Man fürchtet sich vor dem Tode, als ob es ausgemacht und sicher wäre, dass nachher alles zu Ende ist. Dem müsste ein vollständig erklärtes, in seine Bestandteile zerlegtes, gleichsam auf Rädern laufendes Leben entsprechen. So ist es aber nicht Man denke, man fühle mit erwachter Seele nach die Geheimnisse eines Nervs, eines Kapillargefässes, einer Muskelfaser — und die Furcht vor dem Todesschlaf ist gemildert*). *) Eine unerwartete Bestätigung dieser Ansicht fand ich in Schieicha Theorie von der Unsterblichkeit der Nuclein-Zelikerne.