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Jeschurun · 1921-03-01 · Heft 3-4 (März 1921) · p. Seite 178

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
8 (1921)
Issue
Heft 3-4 (März 1921)
Date
1921-03-01
Page
Seite 178 (sequence 92)
Language
German
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178 Bedenkliche Erscheinungen. Auf geistigem Gebiet aber ist die Zerstörung der Mittelpunkte des Thorastudiums, der Jeschiwoth, ein unermesslicher Schaden. Die Wirkungen des Krieges zeigen sich, aber auch in den Ländern, die nicht unmittelbar von der Kriegsfurie heimgesucht worden sind. Die Umwälzung aller Lebensverhältnisse hat die jüdischen Gemeinden Y0r ungeheure Aufgaben gestellt. Die Gehälter der Beamten müssen, wenn sie auch nur das Existenzminimum erreichen sollen, um ein Vielfaches erhöht werden, und nicht überall ist das Verständnis für diese Notwendigkeit vorhanden. Die Sicherung dieses Minimums aber ist eine Existenzfrage nicht bloss für die einzelnen Beamten, für die Rabbiner, Lehrer, Schochtim, Vorbeter, sondern für das Judentum als Religionsgemeinschaft. Denn vrenn es nicht gelingt, bei den massgebenden Faktoren überall das Verständnis hiefür zu wecken, so wrird in absehbarer Zeit der Zustand eintreten, den die mangelhafte Frequenz der Bildungsanstalten für jüdische Beamte schon jetzt gefahrdrohend ankündigt: der Bedarf der Gemeinden an religiösen Funktionären wird nicht mehr gedeckt werden können, weil nur verschwindend wenige aus Idealismus einen Beruf ergreifen werden, der ihnen nicht einmal das Existenzminimum sichert. Was dies aber für die religiöse Entwicklung zu bedeuten hat, ist ohne weiteres klar. Eine Begleiterscheinung dieser Zustände aber scheint mir ganz besonders bedenklich zu sein, weiL sie einen weiteren Schritt in der Richtung einer Entwicklung bedeutet, die unseren Alten von jeher beklagenswert erschien; und deshalb möchte ich diese Erscheinung an dieser Stelle besonders hervorheben. Auch in anderen Kreisen hat man sich nur schwer und ungern dazu entschlossen, bei dem Kampfe um die Besserstellung der Angehörigen der freien Berufe gewerkschaftliche Sitten und Gewohnheiten zur Anwendung zu bringen. So bat man es bei den Aerzten vielfach als eine Schädigung der Würde und des Ansehens des ärztlichen Standes empfunden, dass zur Erzielung wirtschaftlicher Vorteile das gewerkschaftliche Druckmittel des Streiks gebraucht wurde, und nur die tatsächlich vorhandene Not und die Rücksichtslosigkeit, mit der häufig der Kampf von

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