Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1921)
- Date
- 1921-03-01
- Page
- Seite 156 (sequence 70)
- Language
- German
- Belongs to
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156 Josephs geschichtliche Wirklichkeit. Gegnerschaft der beiden Stämme lebhaft genug in das Gedächtnis. Was aber sehen wir in Josephs Lebensbild? Juda wehrt den Tod von Joseph ab und betont laut: ״Er ist unser Bruder, unser Fleisch und Blut1) ״. Mos. 37, 26b). Auch wird Juda von seinem Vater an Joseph voraus gesendet (46,28), weil er diesem wegen seines vorhergehenden Verhaltens (43, 8 ff.; 44, 18 ff.) näher als andere von den Brüdern stand. N9in, die Geschichte Josephs kann nicht aus der späterenStammesgeschichte geschöpft sein. Dies zeigt sich auch noch beispielsweise an folgendem Zuge. In der Geschichte der Stämme sehen wir Ephraim bis zur offenen Opposition gegen Juda fortschreiten. In der alten Hauptstadt des Stammes Ephraim geschah es ja, dass die Reichsspaltung, die zu einer offenen Wunde am Leibe der Nation Israel geworden ist, beschlossen wurde (1. Kön. 12,16). Dagegen Joseph hat sich mit seinen Brüdern versöhnt und ist im friedlichen Einvernehmen mit ihnen und ihnen Trost spendend dahingeschieden. Ja, er wollte auch im Tode nicht von seinen Verwandten getrennt sein. Also das Lebensbild Josephs ist kein Spiegelbild der Geschichte der Stämme Ephraim und Manasse. Deshalb halte ich an der geschichtlichen Wirklichkeit der Person Josephs lest, und lebe der ruhigen Ueberzeugung, dass alle die Grundlagen, die für diese Position auf^ezeigt worden sind, niemals umgestürzt werden können. Deshalb gehen mir, wenn ich an die Operationen mancher neueren Kritiker denke, welche Joseph aus den Blättern der Geschichte gestrichen zu haben meinen, zuletzt immer jene tiefempfundenen Zeilen von Friedrich Rückert durch den Sinn״ Wie Jakob, da man Josephs Kleid — Ihm brachte. Und sein begrabenes Herzeleid — Erwachte: Der Vater roch des Kleides Duft — Da schwebte Der Sohn im Duft aus seiner Gruft — Und lebte. Er lebte wirklich, den er tot — Geglaubet. 0 sei der Trost nicht meiner Not — Geraubet! Nie soll der Duft ״Es lebt mein Sohn״ — Mir schwinden: Ich werd‘ an eines Königs Thron — Ihn finden.