Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1921)
- Date
- 1921-03-01
- Page
- Seite 149 (sequence 63)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Anwendung der Psychoanalyse usw. 149 Frage und ihrer Deutung. Bei seinen naturalistischen Deutungen verkennt und missdeutet er so gründlich alles, was bei dem gläubigen Juden an seelischen Qualen und Reuegefühlen im ganzen Monat Elul?in den Seiichaustagen, am Rausch-Haschonoh und an den zehn Busstagen dem einen grossen Sühnetage des Jaum-Kippur voraufgegangen. Er hält für ererbte, verbrecherische Urtriebgefühle, was in Wirklichkeit nur als höchstes allgemeines Läuterungsbedürfnis und Versöbnungsstreben des Menschen vor seinem Gott und Nebenmenschea gewertet werden sollte. Trotz seiner jüd. Abstammung müssen wir Reik jede Kompetenz in der Beurteilung jüdischer Seelenprozesse absprechen. Wir haben uns im Vorstehenden lediglich bemüht, die allzu kühnen Erklärungsversuche des Freudschülers Reik für einige jüdische Kulthandlungen (Kol-Nidre, Schofar) mit starken Frage- Zeichen zu versehen und das Heranziehen kaum nachweisbarer psychischer Erlebnisse ferner Ahnen für das rationelle Verständnis jüdisch-religiöser Zeremonien und die Annahme des Totemismus in der Bibel als willkürliche und phantastisch aufgeputzte, stark subjektive Illusionen des Verfassers in die gehörigen Schranken zurückzuweisen. Es ist viel Geist, viel Scharfsinn, viel dialektische Schönheit in dem Buche aufgewendet, und die Lektüre des Buches bietet partieweise fast ein ästhetisches Vergnügen — aber die letzten Rätselfragen der vom Verfasser aufgeworfenen Probleme bleiben nach wie vor für den menschlichen Forschergeist ungelöst. Wir gläubigen Menschen treten mit weniger Skeptizismus,' aber mit intuitiv schauenden Blicken an diese Fragen heran und suchen nicht durch einen öden Rationalismus den edlen Schmelz der biblischen Berichte zu zerstören. Es bleibt ein schwacher Trost für uns, dass diese Bilder״ Stürmer Freudscher Richtung ihre Sezierungsversuche nicht allein auf Werke der Bibel anwenden, sondern auch vor weltlichen Schönheitswerken eines Wagner und Goethe und andrer Grossen nicht Halt machen und schon manchem poetischen weltlichen Werke die Poesie ausgetrieben haben. Es musste einmal im