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Jeschurun · 1921-03-01 · Heft 3-4 (März 1921) · p. Seite 148

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
8 (1921)
Issue
Heft 3-4 (März 1921)
Date
1921-03-01
Page
Seite 148 (sequence 62)
Language
German
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148 Die Anwendung־ der Psychoanalyse usw. frommen Gelübde will ich halten, mir nicht voreilig übernommene, meineKräfte übersteigende oder dem Gedächtnis entschwindende.1) Und was die geheimnisvolle Melodie des Kol-Nidre betrifft, so ist sie nicht als notwendiges Ingrediens des ziemlich machfernen Textes zu betrachten, sondern verdankt ihre erste Entstehung vielleicht der Gesangkunst irgend eines mittelalterlichen jüdischen Chasan in Spanien oder Italien, der die vielen einzelnen Worte (״Alle Gelübde, Schwüre, Entsagungen, Bannungen, Verwünschungen usw.״) mit Hilfe des Gregorianischen Kanons künstlerisch vertonen, steigern, vertiefen, beseelen ,wollte, um dabei gleichzeitig seiner Gemeinde zu Beginn eine Probe seines künstlerischen Könnens zu geben. (Man bedenke nur, was ein genialer Kantor aus einzelnen Gebeten für Paradestücke macht, man denke an Stellen aus der Jaum-Kippur-Liturgie wie;ובך היה מונח אחי, oder an die Vertonung von אעזטבו ,אין קצבה das gesungene Sündebekenntnis, wo wirklich der Text ־wenig mit dem Tonbilde übereinstimmen will.) Im Laufe der Jahrhunderte machte sich der Einfluss der Melodik der verschiedenen Länder in der Entwicklung der Kol-Nidre-Melodie geltend, und was zuerst eine einfache rhapsodische Rezitation gewesen, wurde allmählich eine Ouvertüre für den feierlichsten Tag des Jahres. In der deutschen Sage ist Parzival eine der tiefsten Gestalten, weil er, als Fernstehender, zufällig Zeuge eines schmerzvollen Weihespiels, keine vorwitzige Frage zu stellen wagt. Wie ganz anders ist unser moderner Reik-Parzival! Er a!3 Fremder. Aussen stehen der, der die K.-N.-Melodie in einem Salon gehört hat, dem Judentum längst Entfremdeter, tritt in die Mitte der jüdischen Gottesgemeinde, sieht ihre Ergriffenheit, ihre Zerknirschiing — und schnell fertig ist der moderne Forscher mit der ג) Es bleibt noch sehr die Frage, ob unter ושבועות im Kol-N. über־ haupt ein Schwur vor Gericht und Obrigkeit zu verstehen ist; die Worte; ״Die wir uns auferlegena zum Schlüsse der Erklärung sprechen jedenfalls dagegen, ebenso die Beziehung auf den Bibelvers: איש בי ידור נדר להי או השבע שבעה לאבר אבר על נפשו (Numeri 30,3); dort ist es doch offen־ bar, dass ״Schwur״ und ״Eida nicht dasselbe sind, und so ist auch für die K01־N.־Stelle eine unsre Person betreffende Schwurformel gemeint.

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