Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1921)
- Date
- 1921-03-01
- Page
- Seite 147 (sequence 61)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Anwendung der Psychoanalyse usw. 147 Was nun die Melodie selbst betrifft, so erscheint sie uns in ihrer heutigen Gestalt durch ihre Kunstvollem!ung und ihre künstlichen Steigerungen und Wiederholungen auf eine Zeit der Entstehung hinzuweisen, in welcher der Kunstgesang mit Koloraturen und blühenden Umrankungen (als dankbare Partie für den Sänger) gepflegt w urde. Und selbst wenn wir diese Umrankungen als später hinzugekommen ansehen und die Grundmelodie herausschälen (s. über Variationen und Grundmeloäie in Jewish Encyclop., dort wird das Datum der Entstehung der Grundmelodie in das XI. Jahrhundert gelegt, da diese starke Anklänge an den sogen. Gregorianischen Canon in wiederholter Form aufweist, d. h. die Tonfolge von d zu d bevorzugt; als Entstehungsort wird wohl Spanien oder Italien anzunehmen sein), $0 bleibt doch ein kompliziertes Gebilde übrig, das mehr eine allgemeine Weihestimmung für den grossen Sühnetag vorbereitet als speziell eine verpönte Neigung nach Gelöbnisbrüchen interpretiert. Die einfachste Erklärung des Kol-Niäre ist und bleibt folgende: Es ist eine Fortsetzung der aitüblichen התרת נדרים, durch welche der Einzelne gewisse gedankenlose und leichtfertige, freiwillig für seine Person übernommene Gelöbnisse und Verpflichtungen am Anfang des Jahres von vornherein für ungültig erklärt, und dies auch nur soweit, als sie seinem Geääehtnis entfallen sollten oder deren Einhaltung seine Kräfte übersteigen sollte. Kol-Nidre stellt eine Erweiterung dieser Hatarath Nedarim auf die ganze Gemeinde dar (s. dieselbe Auffassung von Eschelbacher vertreten im ״Jeschurun“ Bd. I, p. 190). Man setzte diese Erklärung für Rauscb-Haschonob, den Jahresbeginn, später für den Eingang des Jaum־Kippur־Gottesdienstes fest, weil es eben Sitte wrar, dass man vor Beginn dieses grossen Abrechnungstages alle Verpflichtungen gegen Gott und Nebenxaenschen (man söhnt sich feierlichst mit den Nebenmenschen, Lebenden und Toten, Freund und Feind aus) ins Reine brachte, und weil es der Tag ist, an dem man neue fromme Versprechungen und Vorsätze wirklich streng zu halten sich vornimmt, daher erklärt jeder durch Kol-Nidre feierlichst: Alle