Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1921)
- Date
- 1921-03-01
- Page
- Seite 146 (sequence 60)
- Language
- German
- Belongs to
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146 Die Anwendung der Psychoanalyse usw. der Vergleich des Kol-Nidre mit der katholischen mittelälterliehen Beichte und den Ablässen, die der Vorwegnähme uud Annullierung vorsätzlich zu begehender Sünden im berüchtigten Mittelalter dienten, abgelehnt werden, und keiner vergleichenden Religionsforschung wird es je gelingen, ״die psychische Identität der katholischen ,Offenen Schuld‘ in der mittelalterlichen Liturgie mit dem Kol-Nidre nachzuweisen L wie es Keile erhofft (p. 175). Zwischen katholischen Sündenbekenntnissen und dem Kol-Nidre besteht dem Wesen nach der klaffende Unterschied, dass die ״Offene Schuld״ den Charakter״ einer allgemeinen Ab Solutions formel für alle Art Sünden an sich trägt, während Kol-Nidre sich durchaus nur auf Schwüre und Gelöbnisse bezieht. Auch hinter die Reik’sche Auffassung vom m u s i k a - 1 i s c h e n Gehalt der Kol-Nidre-Melodie wäre manches Fragezeichen zu setzen. Reik meint (ähnlich die Jewish Encyelopedia, Bd. VII; p. 543), dass die Melodie gewisse Aehnlich-־ keiten mit katholischen Bussgesängen des Mittelalters aufweise. Wollte Reik damit ein neues Beweismoment für seine Theorie erbringen, so erscheint es uns recht zweifelhaft gewählt. Nach Reik enthält das Kol-Nidre atavistische Elemente und Hinweise auf prähistorische Urzeiten, wo das Volk Israel noch urhordenmassig lebte und Vatermordinstinkte empfand. Die Entsiehung des Kol-Nidre müsste man dann in eine ganz frühe Zeit, jedenfalls nicht in das Mittelalter verlegen. Wieso dann Uebereinstimmungen und Aehnlichkeiten der Melodie des uralten Gebets mit katholischen Ritualgesängen des Mittelalters, als der ursprüngliche Zusammenhang mit dem Vatermord schon längst verblasst ,war, wahrscheinlich sein sollen, ist nicht recht ersiehtlieh. Entweder ist Text und Melodie uralt oder beides aus historisch datierbarer Zeit. leicht zu Missdeutungen von übelwollender gegnerischer Seite benutzt werden könnte, dies sei nur im Vorübergehen erwähnt. Jedenfalls verdient es den schärfsten Protest, solch gefährliche Schein- Weisheit einer schön geisterischen Weisheit zuliebe mit der Geste wissenschaftlicher Erprobtheit zu verkünden und nicht einmal ein bescheidenem ,Vielleicht״ dahinter zu setzen.