Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1921)
- Date
- 1921-03-01
- Page
- Seite 143 (sequence 57)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2292929-2293004-2293006--04866-2298147- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Die Anwendung der Psychoanalyse u3w• 143 ist Poesie“. Darauf erwidert der biedre Mr. Jourdain : Ei, der Tausend! nun bin ich über Fünfzig alt geworden, und wusste nicht, dass ich immer Prosa gesprochen habe!״ So ähnlich möchten wir nach dieser Erklärung ausrufen : Nun haben wir uns schon all diese Jahrhunderte durch die heiligen Formeln und Gesänge rühren lassen und wussten nicht, was uns eigentlich dabei derart zu Tränen rührte. Allerdings muss ich für meine Person gestehen, dass ich bei der Rezitation des Koi-Nidre eigentlich מ och niemals eine Träne vergossen, noch in ich aussergewöhnlieh. erschüttert gefühlt habe* höchstens dass mich der Gedanke mit Rührung und einem gewissen Stolz erfüllte, dass in diesem Augenblicke alle Juden a 11 f ä e m Erde n r 11 n d ein wahrhaft einig Volk von Brüdern, von einem Gefühl der Zusammengehörigkeit beseelt, bilden. Jetzt werden wir eines besseren belehrt. Uralte Mächte und zwangsläufige Mordgefühle sollen sich dunkel in uns regen, wie ucn Psychoneuvotiker überlallt uns einen Augenblick die unterdrückte Regung, und dafür bitten wir Gottvater um Vergebung. Einen Augenblick taucht instinktiv, urbestienhafc die Lu*t. in uns auf, gegen Gottvater aufzubegehren, die alte Briili, die Urquelle aller Schwüre, zu übertreten, und für diese überkompensierte ״ verdrängte“ Lust am Bösen bitten wir Gott feierlich um Verzeihung. Man muss sie immer wieder laut und wiederholt aussprechen, diese Erklärung, um danach mit ebenso lauter Ueberzeuguug auszuspreclien: Non credo, quia absurdum, ich kann an diese überfein ausgeklügelte Erklärungsweisheittrotz ihres psychoanalytischen Aufwands nicht glauben. Ist es nicht ungeheuerlich, glauben zu müssen, dass Vatermordgedanken im Unbewussten des gegenwärtigen Menschen als vererbte Vorstellungen fortleben 12nd ungezählte Geschlechter hindurch auf uns lasten und uns selbst in unsren heiligsten Tagen und Stunden verfolgen! Das wäre noch schlimmer als die antike Parzenvorstelluog der Griechen, die auch keine Reue und keine Reinigung versöhnt, für die eine Tat urewig fortlebt, unsühnbar, untilgbar! Man wende uns aber nicht ein, dass unser modernes verfeinertes Empfinden,* das sich gegen eine solche Annahme sträube,