Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1921)
- Date
- 1921-03-01
- Page
- Seite 142 (sequence 56)
- Language
- German
- Belongs to
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142 Die Anwendung der Psychoanalyse usw. drohende Unheil gnädig an unsern Häuptern vorbeigezogen: ״noch in dieser verschwommenen Form kann man als letzte Affektquelle die Angst vor dem drohenden Unheil, welches immer wieder der Versuchung zum Vatermorde folgt und den Bruch jener alten Verpflichtung verbietet, vermuten״ (p. 168). Mit diesem tiefsinnigen Gefühlsinhalte stimme auch die erschütternde Melodie überein, die Zerknirschung und das Schluchzen der Gemeinde, ihre seelische Spannung u. s. w. *Im tiefsten s&eht noch die uralte Brith und ihre Veranlassung: im Mittelpunkte, unserem unbewussten Gefühle nahe durch das ambivalente Verhältnis zum Vater. Denn in der Phantasie jedes Einzelnen erneuert sich jene mächtige Versuchung, die einst zur Aufrichtung der Brith zwang; im individuellen unbewusster! Seelenleben vollziehen sich dieselben aufwühlenden und nach haltigen Kämpfe, die in der Geschichte des Volkes den Anstoss zu grossen religiösen, sittlichen und sozialen Einrichtungen, lieferten״ (p. 169). Dies ist der ungeheuer komplizierte Denkapparat, den der Freudschüler Th. Reik aufbietet, um das Kol-Nidre-Gebet unsrem Verständnis näher zu bringen. Wir geben zu, das. Kol-Nidre ist eines der rätselvollsten Kapitel unsrer Liturgie, die bisherigen Deutungsver3uche sind aUe mehr oder minder unzu״ reichend, aber mit diesem neuesten Deutungsversuch, so sehr er mit modernen Experimentiermitteln der Sache beizukommen vermeint, wird, so fürchten wir, auch keine neue Epoche der Erklärung des K.-N. beginnen. Wenn wir unsern Eindruck wiedergeben wollen, den die Lektüre dieser psyschoanalytischen Arbeit in uns hervorrief, so möchten wir an eine Moliere-Scene im ״Bürger als Edelmann״ erinnern (auch Reik liebt die Meliere״ Zitate): Da wird dem reichgewordenen Emporkömmling vor! seinem Hofmeister, den er sich für teures Geld hält, in der־ ersten Lehrstunde dargelegt, es gäbe zweierlei Arten der Sprache, die Poesie und die Prosa. Als der Bürgersmann den Unterschied nicht gleich einsehen will, sagt der Hofmeister ״Sehen Sie, was Sie jetzt mit mir oder mit Ihrer Frau sprechen, das ist Prosa, was dagegen in Gedichten gesprochen wird, das