Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1921-03-01 · Heft 3-4 (März 1921) · p. Seite 141

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
8 (1921)
Issue
Heft 3-4 (März 1921)
Date
1921-03-01
Page
Seite 141 (sequence 55)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2292929-2293004-2293006--04864-2298145
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Die Anwendung der Psychoanalyse usw. 141 sind, wir sind Eidesbrecher allzumal. Ins Volkstümliche umgesetzt, müssten wir dem Kol-Nidre den Anruf vorausschicken: Herr Gott, höre uns, wir bekennen vor dir, dass wir den Wunsch fühlen, Eide, Gelübde, Entsagungen u. s. w. nicht einzuhalten. Darauf ist nun allerdings, da es als ein Schuldbekenntnis aufgefasst werden muss, die Bitte um Gnade und Verg e b 11 n g als unmittelbar folgend zu erwarten. Und in der Tat, wir lassen sogleich nach diesem Geständnis unserer Schwäche und dem Bekenntnis der Unmöglichkeit des völligen Verzichts auf Triebbefriedigung den Ruf erschallen: O, verzeihe die Sünde dieses Volkes nach der Grösse deiner Gnade und wie du verziehen hast diesem Volke, von Mizraim bis hierher“, worauf die Gemeinde zuversichtlich antwortet: ״Und es sprach der Ewige: Ich habe verziehen nach deinem Worte״. Gewiss hat nach Reiks Ansicht das heutige Kol-Nidre, das doch so gar nicht einem Schuldbekenntnisse ähnlich sieht, sondern eher einer religiös-juristischen Formel, früher anders gelautet, doch im Laufe der Jahrtausende sei der Text zu einer Formel geworden, und nur der Nachsatz zeugt noch vom ursprünglichen Sinn des Sündenbekenntnisses. Einen weiteren grammatischen Einwand: das K.-N. drückt doch keine Wunschform, keinen Optativ aus (wir sagen doch: wir bereuen sie, sie sollen uns erlaubt sein, nicht aber: wir möchten sie uns erlauben), fertigt Reik mit dem Hinweis ab: dem Neurotiker und im Traume auch dem Normalen, verwischen sich die Grenzen zwischen Realität und Phantasie, auch im Traume erscheine erfüllt, was nur als unbewusster Wunsch in uns gelebt, und so könne auch triebartig der Wunsch nach Eidesverietzung ausgesprochen und als sühnebedürftig von der Gemeinde vor Gott bekannt werden. Darum, weil wir die Versuchung zum Eidbruch in uns instinktiv von uraltersber kennen und das Unheil für die Uebertretung von jener Zeit des Vatermordes her fürchten, ruht eine solch dunkle Gewitter- Stimmung auf der jüdischen Gemeinde beim Kol-Nidre, daher auch ist es verständlich, dass wir durch die ברכת שההעו, die wir dem K.-N. folgen lassen, unsern Dank aussprechen, dass das

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.