Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1921)
- Date
- 1921-03-01
- Page
- Seite 140 (sequence 54)
- Language
- German
- Belongs to
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140 Die Anwendung der Psychoanalyse usw. das uns aus der Nichteinhaltung und Uebertretung des Eides (die 7wir eben aus andrängenden Auflehnungs־ tendenzen gegen Gott gerne begehen möchten!!) erwachsen könnte. Das K.-N. will sagen: Wir sündige Menschen wissenr wir möchten nur zu gerne einen Eid brach begehen. Das K.-N. ist ein radikaler Bruch mit aller sonst von den frommen Juden geübten Gewissenhaftigkeit im Eidhalten. Dieser scheinbare Leichtsinn ward psychologisch erst durch Zuhilfenahme paralleler Erscheinungen und Symptome und Analogie fälle bei Zwangsneurotikern verständlich. Auch für diese Krankem die skrupelvoll und übergewissenhaft ihre Eide und Versprechungen halten, kommt im Leben oft ein Moment, wo sie mit dem ganzen, ihnen (sich selbst) aulerlegten Zwange aufzuräumen versuchen und ihre Eide und Versprechungen mit einem Male als ungültig erklären. Gerade der Zwang ruft bis zur Unerträglichkeit den Wunsch nach Abschüttelung desselben zuweilen hervor. Bei jeder Heilighaltung des Eides, Gelübdes u. s. w. ist auch latent ein Impuls zu dessen Durchbrechung. Das Kol-Nidre-Gebet ist also vergleichbar den typischen Symptomen der Zwangsneurose, ״bei denen unbewusste Vorgänge in relativ unverstellter Form von irgend einem Stadium des unbewussten Denkprozesses aus den Durchbruch zum Bewusstsein zu erzwingen wissen* (Reik, p. 165). Das K.-N. dient der Gemeinde zur Erleichte mg von der Bürde der sonst peinvoll grossen Gewissenhaftigkeit in Eidessachen. Diese überaus feingesponnene Lösung des Kol-Nidre- Rätsels hat allerdings eine Schwäche. Wie kommt es, dass ein solch frevlerischer Wunsch nach Auflehnung gegen die Heilighaltung des Eides gerade in den Gottesdienst und gerade an den Eingang des allerheiligsten Versöhnungstages gelangt ist? Darauf folgt die ungemein geistvolle Antwort von Reik: Das Kol-Nidre ist gar kein Wunsch, es ist das Bekenntnis eines Wunsches, das Geständnis, die Beichte eines sündhaften Wunsch es״. Es enthält die Konstatierung einer Tatsache, dass wir so