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Jeschurun · 1921-03-01 · Heft 3-4 (März 1921) · p. Seite 138

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
8 (1921)
Issue
Heft 3-4 (März 1921)
Date
1921-03-01
Page
Seite 138 (sequence 52)
Language
German
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138 Die Anwendung der Psychoanalyse usw. eine förmliche Wut, unüberlegte Gelübde u. dgl. auf sich zu nehmen. Als Gegenmittel und Befreiung von solch unsinnigen Verpflichtungen erscheint die Generalformel des Kol-Nidre. Diese Frankel’sche Erklärung scheint die einleuchtendste, sie trägt der Anlage der jüdischen Psyche Rechnung, und nun gilt es, in der Vertiefung dieser psychologischen Methode und Betrachtungsweise fortzufahren unter Zuhilfenahme der Sitten anderer Völker zum Vergleiche. Die psychoanalytische Deutung. Zur Erleichterung des Verständnisses sei die Erklärung des von Freud geprägten Begriffs der ״ ambivalenten Gefühle “ vorausgeschickt. Eia Beispiel: Ich bin dem Vater zu Gehorsam und Ehrfurcht verpflichtet, doch gleichzeitig regt sich oft in mir ein gegensätzliches Gefühl der Eifersucht auf die Ueherlegenheit des Vaters, ein Hass und Neidgefühl. Meist entspringt diese Ambivalenz einer trüben sexuellen Quelle. So führt Freud das bald zärtliche, bald feindselige Verhältnis zwischen Schwiegermutter und Schwiegersohn darauf zurück, dass die Schwiegermutter, eifersüchtig auf den Besitz des jungen Schwiegersohns, den sie gern für sich besitzen möchte, ihm dafür gram ist, dass er die junge Tochter ihr vorzieht. Also in Ehrfurcht oder in Liebe mischt sich Auflehnung oder Hass, motiviert durch ״verdrängte“, im Unterbewusstsein noch vorhandene Triebe, die sich bei gegebener Gelegenheit aufs neue regen. Nun zum Kol-Nidre: Ein jeder Eid ist nach dem Urteil der Ethnologen ein Gottesgericht. Unsichtbare Mächte bedrohen den Meineidigen mit Krankheit und Tod. Diese Mächte wrerden zu Zeugen dessen angerufen, dass der Schwörende die Wahrheit spricht und im Falle der Unwahrheit Unheil auf sich herabbeschwmrt. Die feierlichste und fürchterlichste Art des Schwures ist der ברית (oder wie Reik richtiger sagt: die Brith), dessen Einzelheiten zuerst bei Abraham beschrieben werden (Gen. XV, 3—12): Gott heisst Abram eine dreijährige Kuh, eine dreijährige Ziege und einen dreijährigen Widder, eine Turteltaube und eine Ringeltaube bringen, die ersteren drei zerteilen und ein Glied dem

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