Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1921)
- Date
- 1921-03-01
- Page
- Seite 130 (sequence 44)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2292929-2293004-2293006--04853-2298134- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
180 Ueber Entwicklungsefchik. Hertwig lässt es bei diesen allgemeinen Feststellungen bewenden und versucht nicht, die ethischen Wirkungen bei den Menschen zu vergleichen und zurückzuführen auf parallele Wirkungen bei niederen Organisationsstufen. Hertwig versucht bloss, die menschliche Ethik als höheres Entwicklungsglied der nächst niederen Organisationsstufe, der Instinkte der Tierwelt, aufzufassen. Er sagt: ״Handlungen, in denen wir den Ausdruck sittlicher Mächte erblicken, linden ihren Ursprung in dem Gemeinschaftsleben von Tieren. Sie entstehen allmählich und in demselben Masse, als zwischen den ursprünglich vereinzelten und für sich bedachten Individuen ein gewisses Gefühl der Zusammengehörigkeit und Verwandtschaft lebendig wird. Ihr sittlicher Charakter wird gesteigert, wenn dazu noch eine mehr oder minder instinktive Erkenntnis tritt, dass die einzelnen Glieder der Gemeinschaft auf die Hilfe der anderen, zumal in Zeiten der Not, angewiesen sind, und aus ihrem Zusammenleben Vorteile ziehen״. So sind nach Hertwig das Liebesieben der Tiere und die Bande zwischen Eltern und Nachkommenschaft der Ausgangspunkt für den Beginn des sozialen Zusammenlebens und für das Werden der sittlichen Mächte. Es entsteht die Liebe zur Familie und, in immer abgeschwüchterer Form, zum Stamm, zum Volk, zur Menschheit. Diese Triebkräfte haben schliesslich zur Errichtung einer Tafel von sittlichen und rechtliehen Werten als Norm für den Menschen geführt, welche dann rückwirkend als kategorischer Imperativ die Handlungen der Menschen gestaltet haben. Im Sinne Hertwigs ziehen wir aus diesen Theorien folgende Schlussfolgerungen und Ergebnisse:!)Die soziale Organisation hat erst die Bedingungen geschaffen, unter denen sich die im Menschen ruhenden sittlichen Kräfte nach allen Seiten bin haben entwickeln können, 2) die menschliche Ethik ist infolge ihres Entwicklungsprozesses nicht etwas Willkürliches sondern ein durch die Natur Gegebenes. 3) die Unterschiede der Menschheit und ihrer sittlichen und geistigen Welt einerseits und der Tierwelt anderseits sind keine prinzipiellen sondern^ solche des Grades. 4) Recht und Sitte sind in Zukunft einer weiteren Entwicklung