Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1921)
- Date
- 1921-03-01
- Page
- Seite 126 (sequence 40)
- Language
- German
- Belongs to
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126 Ueber Entwieklungsethik. Existenz einer Moral nicht auszuschliessen. Ohne eine solche Moral, d. h. ohne irgend welche Gesetze wäre ja das Zusammenwohnen von Menschen garnicht denkbar. Diese Moral wäre auch nicht entwicklungshindernd, würde keine Fessel für den Einzelnen im Kampf ums Dasein darstellen. Denn sie hätte in gleicher Weise Gültigkeit für alle; niemand zu Liebe, niemand zu Leide. Es genügte dann also vollauf, wenn im Kähmen der alten Moral die Selbstertüchtigung des Individuums zum Zwecke des Kampfes um Dasein gesetzlich sanktioniert wäre. Nur in der angegebenen Richtung kann sich m. E. der ethische Darwinismus, biologisch-normativ aufgefasst, bewegen. Wie weit weicht aber die Wirklichkeit davon ab? Die Darwinianer wollen, wie wir sahen, die Züchterrolle selbst übernehmen *und wollen selber entscheiden, wessen Geschlecht überleben darf, und welches aussterben muss. Sie fordern ferner eine bedingungslose Aufgabe der alten Moral zu Gunsten des Grundsatzes ״Macht geht vor Recht״. Alles logische Unmöglichkeiten! Und auch praktisch unmöglich, denn die Tüchtigsten in der Rasse werden gerade bedingt und getragen durch die Erhaltung einer Durchschnittsmasse! Die Schwierigkeiten verschwinden auch nicht angesichts der zweiten Entwicklungsmöglichkeit der darwinistischen Ethik: der ethisch-explikativen. Analog dem biologischen müsste der ethische Darwinismus eine Erklärung der Entwicklung des ethischen Denkens geben. Die Frage nach dem Ursprung der Sittenlehre (ob sie etwa im Laufe der biologischen Entwicklung entstanden und mit den Fortschritten der Vernunft auch sich vervollkommnet habe, oder ob sie etwa ein selbständiges seelisches Gebiet darstelle) ist für unsere Betrachtung augenblicklich unwichtig. Genug: wir finden eine entwickelte Ethik vor, welche eine bestimmte Riehiung genommen hat und daher als gegeben anzunehmen ist. Die darwinistische Ethik hätte zuerst die Bedingungen ihres Zustandekommens zu erklären: die sittlichen Faktoren, die Zwecke und Motive und damit die Gesetze des Willens sind zu erkennen und auf sie dann die aus der Ethik herausgeschälten Normen