Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1921)
- Date
- 1921-03-01
- Page
- Seite 125 (sequence 39)
- Language
- German
- Belongs to
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Ueber Entwicklungsethik. 125 Schlag Wörtern ״ biologisch - normativ “ und . ethischexplikativ ״ benennen möchte. Unter biologisch-normativ verstehe ich folgendes: Da die Darwinianer annehmen, dass die Menschheit als Produkt einer Selektionsentwicklung entstanden sei, so ergibt sich die Aufgabe für sie, diese Entwicklung in der gleichen Richtung weiter zu denken und fortzusetzen, indem die Gesetze der Selekiionstheorie als Norm für die Züchtung einer noch über der Gattung homo sapiens stehenden Tierklasse proklamiert werden. Der Mensch wäre dann nur Entwicklungsstufe und alle ihm von einer gütigen Natur auf seinen Lebensweg mitgegebenen Fähigkeiten und Eigenschaften nur Rüstzeug für den Kampf ums Dasein. Der ethische Darwinismus wäre also nichts anderes als eine biologische Aufgabe, eine Nutzanwendung aus den Lehren der Vergangenheit für die Zukunft, eine Auffassung, welche in dem Wort Tilles ihre Bestätigung findet, dass Ethik angewandte Biologie sei. Diese biologische Aufgabe aber ist nicht von dem Menschen selbst sondern von der Natur zu lösen. Denn ebenso wie nach Darwin die Natur aus den Urtieren durch den Kampf ums Da- :sein und die Auslese immer höhere Tierordnungen gezüchtet hat, muss auch die Züchtung des Uebermenschen aus dem Menschen der Natur überlassen bleiben. Und noch eins: Das Ziel dieser Züchtung ist stets das Ueberleben des Passenden — wie aber könnten die Menschen, die doch in der Entwicklung stehen, selber eine Eigenschaft oder Fähigkeit des Körpers oder Geistes als ״passend“ hinstellen? Der ethische Darwinismus, biologisch-normativ aufgefasst, verlangt also natürliche Züchtung und hat für den Menschen selbst nur wissenschaftliches Interesse. Der Vorgang derZüchlang vollzieht sich für den Menschen unter der Schwelle des Bewusstseins, dazu noch in einem Tempo, nach dem eine Generation nur eine Sekunde der Entwicklung ist. Des Menschen einziger Beitrag zur Züchtung einer neuen Rasse besteht in der Ertüchtigung seiner selbst, damit er vor der Natur als passend für das Ueberleben erscheine. Dies brauchte aber wiederum die