Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1921-03-01 · Heft 3-4 (März 1921) · p. Seite 117

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
8 (1921)
Issue
Heft 3-4 (März 1921)
Date
1921-03-01
Page
Seite 117 (sequence 31)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2292929-2293004-2293006--04840-2298121
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Das Ideal der Heiligkeit usw. 117 Denn wahr ist’s, du bist Richter und Austührender, Wissender und Zeuge, Schreiber und Siegler, Zeichner und Zähler. Du denkst alles Vergessenen und öffnest das Buch des Gedächtnisses: von selbst liest es sich, und die Handzeichnung eines jeden Menschen ist in ihm. Die gross8 Posaune tönt, und leises Gemurmel wird vernehmlich; die Engel zittern; Angst und Beben fasst sie; und sie sprechen: Siehe, der Tag des Gerichts, — zu prüfen das Heer des Himmels im Gericht; denn auch sie sind nicht rein vor Deinen Blicken im Gericht. Und alle Weltbewohner ziehen vor Dir vorüber wie die Tiere der Herde: wie der Hirte seine Herde mustert, unterm Stab hindurch die Lämmer ziehen lässt, also lässt auch Du vorüberziehen, prüfst und zählst und wägest alle Seelen, sprichst das Schicksal jeglichem Geschöpfe und verzeichnest den gefällten Spruch. Aber neben solchen Gebeten, welche die ebrfarchtweckende Grösse Gottes darstellen und den Tagen ihren gemeinsamen Namen gegeben haben, stehen wieder andere Stücke, die in ganz besonderer Zartheit die göttliche Liebe in Erinnerung bringen: die Erzählung von Hannas Erhörung, Trost für Rah eis Muttertränen, die Predigt des Buches Jona von der Vaterliebe Gottes für all seine Geschöpfe, Mensch und Tier. Eben jene ״Kontrast-Harmonie des tremendum und des fascinosum*, die bereits die Rabbinen in der Bibel ausgesprochen fanden1), gelangt am Neujahrs- und am Versöhnungstag zu erschütterndem Ausdruck, vielleicht nicht nur in dem Uebersetzbaren, Angebbaren, sondern in dem aus ihm und aus jahrhundertelanger Tradition fliessenden 13 Ich erinnere zunächst an den bekannten Ausspruch des R. Joehanau (Meg. 31 aV. überall, wo Gottes überragende Grösse ausgesprochen ist, findet sich auch der Hinweis auf seine herablassende Güte. Vgl. ferner Midr. Tann, zu Deut. 6,5 über die Vereinigung der Gebote, ,Gott zu lieben“ und ,ihn zu fürchten“. Merkwürdig mit Otto berührt sich Maimonides Hilch. Jess. Hatth. 2,2: ״Welches ist der Weg zu seiner Liebe und Ehrfurcht? Wenn der Mensch sich in Gottes wunderbare und herrliche Werke und Schöpfungen versenkt und aus ihnen die unendliche Falle seiner Weisheit erkennt, dann fasst ihn Liebe, der Drang zu Lob und Preis, und es erfüllt ihn mächtiges Sehnen nach der Erkenntnis des Unendlichen, wie David singt: Es dürstet meine Seele nach Gott, dem lebendigen Gott. Wenn er aber dann die Dinge selbst erwägt, dann prallt er erschreckt zurück in dem Bewusstsein, als kleines, armes, trübes Wesen mit seinem unbedeutenden Verstände vor dem Allwissenden zu stehen; so singt David: Wenn ich Deinen Himmel betrachte, sda Werk Deiner Finger, — was ist der Mensch, dass Du seic gedenkest!“

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.