Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1921)
- Date
- 1921-03-01
- Page
- Seite 116 (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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116 Das Ideal der Heiligkeit usw. giösen Uebung eine ״komplexe Grösse“, aus Rationalem und Irrationalem gemischt; wie nach jenem Mystiker, den Otto zitiert (und nach Bachja), ein Gott, der begriffen werden könnte, kein Gott wäre, so wäre ein religiöses Ritual, das vollkommen wasserklar und durchsichtig wäre, nichts Dämmerhaftes und Ahnungsvolles mehr enthielte, kein Ritual mehr; ja, analog jenem Gesang der Erzengel, hat fromme Demut, wenn auch nur in unwissenschaftlichen Kreisen, in den Gesetzen Stärke gefanden, ״da keiner sie ergründen mag“. So gross die Segnungen sind, die der Sabbat durch seine rationale Seite als sozialer Ruhetag gestiftet hat: dem religiösen Menschen wird seine numinose Bedeutung noch höher stehen; auch sie hat auf andere Religionen wirken können; nicht nur die Paragraphen des Sonntagsruhegesetzes, sondern auch die weihevolle Stimmung in ״Schäfers Sonntagslied41 sind Tropfen vom Eimer des Judentums. Weniger leicht übertragbar, als der Sabbat, erwiesen sich die beiden Feste des Jahresbeginnes, die ״ehrfurchtbaren T a g־e“ (ימים ניראיס), wie wir sie nennen, in welchen das Numinose in besonders verstärktem, man möchte sagen, konzentriertem Masse zum Ausdruck kommt. Was der gläubige Jude bei Otto liest von Kreaturgefühl, dem überragend Furchtbaren und dem liebevoll Anziehenden und Verb eissenden, — das alles klingt uns namentlieh deswegen vertraut, weil es an jenen feierlichen und doch freudigen Tagen zu lebendiger Anschauung gelangt. Als typische Darstellung der Ehrfurcht vor Gott zitiert Otto S. 33 einen Hymnus aus dem Beginn des 18. Jahrhunderts, der also beginnt: Vor dir erbebt der Engel Chor. Sie schlagen Aug’ und Antlitz nieder. So schrecklich kommst du ihnen vor. "Und davon schallen ihre Lieder, Die Kreatur erstarrt Vor deiner Gegenwart. Wir halten dagegen das erheblich ältere Gebet ונתנה תקף, das wir etwa so wiederzugeben wagen: So lasset uns künden die Macht der Herrlichkeit des Tages: denn ehrfurchtbar ist er und erschütternd. An ihm baut sich auf Dein Reich; auf Gnade gründet sich Dein Thron, darauf thronst du in Wahrheit.