Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1921)
- Date
- 1921-03-01
- Page
- Seite 103 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Ideal der Heiligkeit usw. 108 nur das Gefühl dumpfen Staunens und Starrens, der s'upor, fasst, so erwächst dem Kulturmenschen aus demütiger Unterwerfung und anbetender Bewunderung das Gefühl der religiösen Ehrfurcht. ״Der Natur“, sagt Goethe1) mit Recht, ״ist Furcht wohl gemäss, Ehrfurcht aber nicht“. Sie erwächst erst im Laufe der Kultur, vornehmlich als Grundstimmung religiösen Verhaltens. Weil aber jene יראה, die der Gedanke an den אל בורא לאדם in uns erzeugt, nicht mehr Furcht, sondern Ehrfurcht ist, mag es kaum mehr als eine Paradoxie erscheinen, wenn nach dem Psalmwort ״alle, die Gott fürchten, sprechen: Ewig währet seine Liebe“. Allerdings kommt jedoch in der gedrängten Kürze dieses Spruches das ״seltsamste und beachtlichste Phänomen der Religionsgeschichte“ zum Ausdruck: ״So grauenvoll furchtbar das Dämonisch-Göttliche dem Gemüte erscheinen kann, so lockend reizvoll ist es gleichzeitig. Und die Kreatur, die vor ihm erzittert in demütigem Verzagen, hat immer zugleich den Antrieb, sich zu ihm hinzuwenden; das Mysterium ist nicht bloss das Wunderbare, sondern auch das Wundervolle2)“. Aus erschauerndem Erbeben und liebendem Aufwärtssehnen webt sich jene ״Kontrastharmonie des tremendum und des fascinosmn“, weiche dem religiösen Erlebnis Grösse und Tiefe verleiht. Denn eben aus dem, worin das Heilige über das Sittliche hinausgeht, aus den Gefühlefi des Schauders, der Ehrfurcht und der Seligkeit, fliesst die Grundstimmung des religiösen Lebens. Wissenschaft und Sittlichkeit können nüchtern und trocken sein, dagegen lebt ״in jedem echten Gefühle religiöser Beseligung eine Spur des Ueberschwenglichen, auch wr0 es mit Mass und kontrolliert auftritt“ (Otto S. 41): jenes Ueberschw^engliche sucht sich immer wieder lebendig zu erhalten gegenüber der Nüchternheit, die manchmal aus den Nachbarbereichen der ג) Wanderjahre II 1 (S. 181 der Jub.-Ausg.). 2) Otto S. 35. Das Fascinosum kommt in Goethes Ganymed zu besonders schönem Ausdruck. Parallelen aus der rabbinischen Literatur bringen wir im III. Abschnitt unserer Abhandlung.