Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1921)
- Date
- 1921-03-01
- Page
- Seite 102 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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102 Das Ideal der Heiligkeit usw. habe mich imterfaogen vor dir zu reden, und bin doch nur Staub und Asche״ (Gen. 18/27). Während sich der Philosoph nach einem Worte G ethes1) in gewisser Beziehung der Gottheit gleichstellt, empfindet fromme Demut — nicht bloss die ״schlechthinnige Abhängigkeit“2) von Gott, sondern den ungeheuren Abstand alles ״Geschöpfliehen“ von dem letzten Quell alles Seins und seiner unergründlichen Tiefe. Seiner unergründlichen Tiefe — damit ist zugleich eine zweite Eigenart des religiösen Bewusstseins berührt. Wenn wir Gott unerfor schlich, unerfassbar nennen, so erfüllt uns das mit anderer Stimmung und Gesinnung, als wenn wir von der Unlösbarkeit irgend einer wissenschaftlichen Aufgäbe (etwa der Quadratur des Kreises) reden. Die Wissenschaft kennt wieder den andächtigen Schauder, der aus letzten Rätseltiefen strömt, noch jenes eigentümliche Gefühl freudigen Gehobenseins. von dein Goethes Erzengel zeugen mit den Worten: ״Der Anblick gibt den Engeln Stärke, da keiner Dich ergründen mag3).“ Wenn den Wilden angesichts der letzten Geheimnisse Wanderjahre II 2 (S. 190 in der Jubiläumsausgabe). 2) Sehr lehrreich für Ottos Verhältnis zu Sch Leiermachers Religionsaufiässung sind seine Ausführungen S. 9 if. ״) Die folgenden bei Otto fehlenden Goethezitate veranschaulichen besonders gut. was das ״Numinose“ auch dem modernen Menschen bedeutet, wenn er in Wahrheit religiös ist und nicht seine Surrogate mit Religion verwechselt. Und Ottos Darlegung gipfelt ja nicht in dem Nachweis, dass zu den geschichtlichen Religionen stets numinose Bestandteile gehört haben (das haben die Gegner der Religion nie bestritten), sondern in der Aufzeigung des dauernden Wertes dieser Bestandteile über primitive Zeiten und deren Nachwirkung hinaus. — Die Erzengel finden zunächst Stärke im Anblick der Sonnenbahn, wenn (= wenn auch) keiner sie ergründen mag; nach Anerkennung der Rätselhaftigkeit der Welt (folgende Strophen) stärkt sie der Anblick göttlicher Grösse — eben wegen ihrer Unergründliehkeit. Das ist genau der Gedanke, in dem Otto S4 fit die Lösung des Problems im Buch Hiob zu finden glaubt. — Uebrigens erklärt sich der geschichtliche Konflikt zwischen Religion und Wissenschaft nicht zuletzt daraus, dass jene geradezu das Bedürfnis nach Anerkennung eines letzten Unverständlichen hat: vgl. meine Ausführungen Monatsschriit für Wiss. d. Jud. 64, 29.