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Jeschurun · 1921-03-01 · Heft 3-4 (März 1921) · p. Seite 101

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
8 (1921)
Issue
Heft 3-4 (März 1921)
Date
1921-03-01
Page
Seite 101 (sequence 15)
Language
German
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Das Ideal der Heiligkeit usw. 101 versperren, dass wir ihn in das Prokrustesbett eines ihm nahekommenden, aber doch nicht mit ihm zusammenfallenden Begriffes zwängen. Ein solcher Näherungsbegriff, der Unglücklicherweise mit dem der Heiligkeit verwechselt worden ist, ist derjenige der sittlichen Vollkommenheit. Beide sind unzweifelhaft verwandt, aber nicht identisch. Wären sie es, so wären die Ideale der Religion und der Sittlichkeit gleichbedeutend, die Religion wäre dann nichts als eine Vorstufe zur Sittlichkeit, und sie könnte und müsste durch Ausscheiden alles moralisch Bedeutungslosen umgebildet werden — bis zu ihrem völligen Zusammenfallen üiit der Ethik. In Wahrheit haben die grossen religiösen Genien zwar empfunden, dass man nicht religiös sein kann ausser auf dem Boden der Sittlichkeit, dass aber die Sittlichkeit die Religion noch nicht schafft. Wenn wir von ״heiligen“ Stätten reden — und nicht nur reden; wenn an ihnen ein ehrfürchtiger Schauer der lauten Freude, dem ausgelassenen Scherzworte zu wehren scheint, so spüren wir ganz deutlich, dass hier etwas machtvoll auf uns wirkt, was mit dem Sittlichen nicht gleichgesetzt werden darf. Und wenn wir hestimmte Menschen als ״Heilige״ bezeichnen, so meinen wir mehr als deren sittliche Vollkommenheit: Lessings Nathan ist ein Weiser, aber kein Heiliger. Endlich: die Bezeichnung des höchsten Wesens als heilig bedeutet mehr als dessen vollkommene Gerechtigkeit: wir fühlen, wenn wir also sprechen, einen Schauder ganz eigener Art, ein ahnungsvolles Etwas ausgehen von Gott, von dem alle Heiligkeit auf Erden, in Menschen und Dingen, nur einen schwachen Abglanz darsteilt. Welches aber ist dies Ahnungsvolle, dies merkwürdige Etwas, durch welches das ״Heilige״ über das ״Blcss-Sittliche״ hinausgeht? Otto nennt es das Numinose (von Xumen, die Gottheit;. Und er hat sicher darin recht, dass wir es am ersten in der Wirkung erkennen können, die es auf den Menschen hervorbringt. Es erzeugt in ihm das ״K r e a t u r ־ G e f ü h 1“, das demütige Gefühl, bloss Geschöpf zu sein, jenes Gefühl, das so deutlich zum Ausdruck kommt in den Worten Abrahams: ״Ich

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