Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1921)
- Date
- 1921-03-01
- Page
- Seite 96 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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96 Die Erwählung Israels. Völkern angleicht und von ihrer krankhaften Art annimmt. Man könnte es noch tiefer fassen: Israel muss, nachdem es einmal mit den anderen Völkern verflochten ist, von ihnen affiziert werden, es ist Naturnotwendigkeit, dass es sich ihrer Entartung assimiliert, wenn es nicht selbst sich abmüht, dass die Schäden im Organismus nicht auftreten. Wenn wir, wie oben erwähnt, den Vergleich noch weiter ausführen, dass das Herz durch die Funktion der Biutzirkulation allen Organen gesunde Nahrung zufuhrt und dadurch eine Einbürgerung von Krankheitskeimen verhütet wird, so fällt Israel die Aufgabe zu. durch die Arbeit an seiner Vollendung das Schlechte unter den anderen Völkern auszuroden, um dann in natürlicher Wechselwirkung auch immer mehr von den Einflüssen des Schlechten unter den anderen Völkern verschont zu bleiben und zwar in dem doppelten Sinne des moralischen Uebels, des Verderbs durch Angleichung und Nachahmung, und des physischen durch die den schlimmen Instinkten der Völkerwelt entspringenden Verfolgungen. Und endlich das Dritte: Wie das Herz durch seine Empfindlichkeit für das Leiden und den Schmerz eine besondere Kraft entfaltet, die Kraft, die Entartung hintanzuhalten, jeden Ansatz dazu gleich im Keime zu ersticken, so Israel. Seine Empfänglichkeit für den Schmerz und seine tatsächlichen Leiden führen es immer von neuem den Weg zu seiner moralischen Wiedergeburt. Wir wären heute in anderer Fassung des Gleichnisses leicht geneigt, die materielle Fortdauer Israels und seine geistige Höhe eben aus dem Umstand zu erklären, dass es sein Dasein sich immer wieder von Neuem erkämpfen musste. J. H. liegt diese Deutung fern, weil die Fortdauer Israels das Wunder aller Wunder sein soll uud nicht aus natürlichen Gründen erklärt werden darf, und weil für ihn nicht die Fortdauer an sich sondern die sittliche Erneuerung von ausschlaggebender Bedeutung ist. In Talmud und Midrasch ist naturgemäss von einer systematischen Behandlung des Problems, wie sie uns hei J. H. entgegentritt, nichts zu bemerken. Das Problem ist aber auch hier in seiner ganzen Schärfe empfunden worden, und die Lösung, die uns dort gegeben wird, berührt sich in manchen Punkten mit der Jehuda Hallewis.