Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1921)
- Date
- 1921-03-01
- Page
- Seite 91 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Erwählung Israels. 91 Philosophen bis auf einen das Problem nicht behandelt haben. Der Gründe sind wohl mehrere. Die Einstellung auf rein metaphysische Fragen hat den Blick von dieser an sich doch eminent religionsphilosophiscben Frage abgelenkt. Mangelndes Verständnis für geschichtliche Entwickelung bewirkte, dass man in den grossen Geistern der Antike, die man doch verehrte, Typen eines bestimmten Volkes sah. In späterer Zeit liessen dann die Verfolgungen, mit denen sich die umgebenden Völker Israel gegenüber befleckten, nicht den Gedanken auf kommen an einen eigenen Wert der nichtjüdischen Welt. Besonders auffällig erschiene es uns bei Maimonides, wenn er nicht durch die besondere Stellung, die er dem philosophischen Denken einräumt, das Problem gewissermassen aus der Welt geschafft. Freilich in einer für die religiöse Betrachtungsweise völlig unzureichenden Form. Für Jehuda Hallewi steht es im Mittelpunkt. Sein ״Kusari* verlässt die gewohnten Bahnen, die Wahrheiten der jüdischen Religion mit den Mitteln einer an der griechischen Philosophie orientierten metaphysischen Beweisführung nahezubringen. Er muss, nachdem der Wahrheitssucher, der König der Husaren, einen Philosophen, einen Vertreter des Christentums und des Islams nach dem echten Ringe befragt hat und von ihren Darlegungen unbefriedigt blieb, diesem eine sichere Richtschnur geben, der ihn von seinen Zweifeln erlöst. Dem König hatten es Träume, in denen er eine Stimme *von oben zu erkennen glaubt, gezeigt, dass es nicht auf die Gesinnung ankommt, die jedem reinen Streben zuerkannt werden muss, und die wir weder dem philosophischen Denker noch den Bekennern anderer Religionen abstreiten dürfen, sondern auf eine nach ganz bestimmten Normen geregelte Handlungsweise. Und Jehuda Hallewi will und muss den Nachweis führen, dass die Richtungslinie dieser Handlungsweise dem ringenden und strebenden Menschen sich nicht aus eigenem Erkennen erschliesst, das zum Individualismus und zur Willkür führen würde, sondern aus einer göttlichen Offenbarung, die geschichtlich so beglaubigt ist, dass sie über jeden Zweifel erhaben ist. Die Erwählung Israels als des Volkes,