Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1921)
- Date
- 1921-03-01
- Page
- Seite 90 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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90 Die Erwählung Israels. Aus der Fülle des Angedeuteten sei heute nur eine Einzelheit herausgehoben, das Problem der Erwählung Israels zur Erörterung gestellt. \ Denn es ist ein Problem. Ebensosehr vom\Standpunkt der religiösen Selbstbesinnung wie von dem der rücks chauenden geschichtlichen Betrachtung. Der universalistische monotheistische Gedanke erhebt scheinbar Protest gegen die Ueberzeugun^ dass der Gott der ganzen Welt und gesamten Menschheit ein^ Volk vor den anderen auserwählt, ihm einen einzigartigen Pflich tenkomplex auferlegt und ihm eine besondere Fürsorge zugewan dt. Und die Geschichte des Volkes Israel zeigt dem Blicke wetiMg von dem Glücke, das wir uns mit dem Begriff der Auserwähfi־־ heit verknüpft denken. Das Problem ist naturgemäss für Zeiten und Anschauungeyn nicht vorhanden, in denen ein rein naives Nationalbewusstsein herrscht, wie es uns bei antiken Völkern begegnet, die zwiscbr5n dem eigenen Volke und den Barbaren unterscheiden. Hi«er wird es nicht empfunden, weil der Blick für die Daseinsb״^“ rechtigung und die Kulturaufgaben anderer Völker noch nich^ t geschärft ist. Und ebenso bei denen, die die Religionsgeschichte Israels mit demselben Maße messen, wie die allgemeine Religioiis- und Kulturgeschichte. Hier wird das Problem nicht anerkannt, weil der Begriff der Auserwähltbeit■ seines theistischen, ja seines religiösen Charakters entkleidet wird. Wenn überhaupt von einer Erwählung Israels gesprochen wird, so teilt es nach dieser Auffassung die Erwählung mit anderen Völkern, denen andere Aufgaben gestellt sind. Da hier aber von einem Einwirken eines ausserweltlichen Gottes im Sinne der positiven Religionen keine Rede sein kann, die Thora und was sie lehrt und gebietet nicht eine göttliche Schöpfung sondern eine völkiscke ist, so handelt es sich auch dort, wo da3 W ort Auserwähltheit gebraucht wird, um ein leeres Wort. Der Ursprungliehe Begriff hat seine Bedeutung verloren, und man ist auf diesem Standpunkt der Notwendigkeit überhoben, sich mit einem Problem״ auseinanderzusetzen. Es ist merkwürdig, dass auch unsere jüdischen Religions-