Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1921)
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 86 (sequence 88)
- Language
- German
- Belongs to
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86 B ticherbesprechun g. Werk, Einheitlichkeit der Gedanken zu erzielen, wo man nicht einer Partei dient. Bei aller Yerschiedenheit zwischen einem Rabbiner Kuk und Birnbäum eint doch alle Mitarbeiter die Wurzelhaftigkeit im geschichtlichen Judentum, die Anerkennung der religiösen und nationalen Triebkräfte. Kaum ein Aufsatz will bewusst Propaganda treiben; und doch ist das Resultat eine einmütige Bejahung der lebenspendenden Faktoren: Religion und Nation. Die geschickte Auswahl der Beiträge ist ein Verdienst des Redakteurs Dr. M. Cohn, der zugleich in seinem geschichtlichen Bericht über das Jahr 6680 in warmherziger Weise der traurigen Schicksale der östlichen Brüder, aber auch der erfreulichen Fortschritte gedenkt, die die palästinensische Sache gemacht hat. Dem Ereignis von San Remo ist auch eine zum Abdruck gebrachte Predigt von Rabb. Dr. A. Cohn gewidmet. Es ist natürlich unmöglich, zu den mehr als 20 Beiträgen Stellung zu nehmen. So will Ref. auch nur einiges hervorheben. — Literarisch am höchsten stehen die Abschnitte, die längst bekannten Werken entnommen sind. Da das Jahrbuch ein Volksbuch ist, 1 echtfertigt sich das Verfahren ohne weiteres, da nicht Originalität ad hoc sondern Gediegenheit das Wesentliehe ist. Und da viele nicht allein den Weg zum Original finden, so ists gut, ihnen Auszüge zu bieten. Aber man sollte darauf bedacht sein, nicht gerade solche Partieen aus unserer Literatur zu wählen, die jeder mühelos finden kann. Perez’ ״Wenn nicht noch höher“ ist gewiss eine der ergreifendsten Erzählungen, die wir besitzen; aber sie findet sich sowohl in der grossen deutschen Perez-Ausgabe wie auch in dem kleinem Band der Inselbücherei und womöglich noch in anderen Sammelbäuden. Auch ״Die Lebensrettung“ von Dr. Lehmann hätte fehlen können; sie ist doch für unseren Geschmack zu harmlos, und in Lehmanns Schriften mögen sich bessere Abschnitte finden. Vortrefflich hingegen ist Rosenkranz’ ״Die Baalsfeuer.“ In diesem Abschnitt lernen weite Kreise einen ihnen noch ziemlich unbekannten Autor von hoher Begabung kennen. Offenbar liegt ihm das Thema, die Nachkriegszeit mit ihren ungeheuerlichen, barbarischen Insulten gegen die Juden, besser als der in ״Gad, der Seher“ behandelte Gegenstand, ln diesem ist oft eine Verkennung jüdischer Ideen und Gesetze störend; in ״Baalsfeuer“ hingegen ergreift der Dichter den Leser durch die unermessliche Tragik. Die Schauer der Novembertage 1918 in Lemberg, die Zusammenpferchung der Juden in der Synagoge und deren Brand, der Versuch einiger Greise die ספרי תורה zu retten und deren Märtyrertod, endlich die Grablegung der Opfer — wir erleben hier ein zweites Mal die Schrecken der Vergangenheit in künstlerischer Darstellung und wieder bluten die Wunden, fliessen die Tränen . . . Etwas eingehender möchte ich mich mit Krauss’ ״Ein Blick hinter die Kulissen“ beschäftigen, weil dieser philosophische Beitrag nicht ohne einige Glossen hingenommen werden kann. Krauss will hier den Leser mit der Philosophie des ״Als ob“ (Vaihinger) bekannt machen. Für den, welcher nur irgendwie von den Problemen der modernen Philosophie Kenntnis er-