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Jeschurun · 1921-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1921) · p. Seite 70

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
8 (1921)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1921)
Date
1921-01-01
Page
Seite 70 (sequence 72)
Language
German
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70 Dostojewsky und die Judenfrage. menschen besiegen die Welt, indem sie sie vereinigen.“ Nur aus der die Welt bezwingenden Gestalt der Heiligen glaubt er die Judenirage lösen zu können, sie vielmehr zu überwinden. Er entwirft ein allzu rührendes Bild des verstorbenen Arztes, freut sich an dem edlen Gefühl, das in ihm und den anderen schönen Seelen .aufsteigt. Diesen gefühlvollen Selbstgenuss glaubt er sich nicht versagen zu dürfen. Aber er verharrt bei seiner Abneigung gegen jüdisches Volk und jüdischen Geist, weil er sie nie in sich selbst begreifen, nie in ihrer eigenen Wesensart erblicken konnte. Was nutzt uns seine Zuversicht in die ״ Allmenschen ^% die schliesslich die Welt erlösen werden; er selbst hat nie versucht, den jüdischen Geist an sich jenseits gewisser niedriger gesellschaftlicher Erscheinungen zu erkennen, die treibenden Seelenkräfte unserer Gemeinschaft aufzudecken. Wir mussten von ihm erwarten, dass er gewisse volkliche Engen abstreifen und das^ Menschliche in aller Gemeinschaft erkennen würde. Aber er vergriff sich über das Wesen des Judentums ebensowohl wie über das Wesen der ausserrussischen Kultur überhaupt Sein Allrussentum mit der blinden Annahme des Zarismus, des Kirchenwesens und der russischen Expansion ist Ausdruck seiner beschränkten und gewaltsamen Wissensart. In politischer und kultureller Hinsicht war er der gleiche Utopist wie in seiner Auffassung von Religion und Volkstum. Vielen Europäern hat er das Russentum erst zugänglich gemacht, denn er war als Dichter die ins Riesenhafte gesteigerte Seele seines Volks. Dies bleibt sein ewiger Ruhm. Aber wir wehren uns gegen seine politische, nationale, religiöse, kulturelle Einseitigkeit, gegen seinen barbarischen Fanatismus, erkennen ihn als allzumenschlich gebunden, unfähig, sich aus der Betrachtung seines Volks zu überpersönlichen, allgemeingültigen Normen zu erheben. In der masslosen Einseitigkeit seines Geistes verzerrte er das Judentum ganz; einzelne auf Russland beschränkte Zustände wurden ihm zum Typ. Aber er verachtete es, das Judentum selbst zu begreifen, die ״vierzig Jahrhunderte alte Geschichte ',

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