Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1921)
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 69 (sequence 71)
- Language
- German
- Belongs to
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Dostojewsky und die Judenfrage. 69 das wahre Wesen der jüdischen Gemeinschaft, religiöse Aufgaben zu erfüllen; aber er verzerrt es gleich wieder, weil er nur dem russischen Volk die religiöse Erlösung zugestehen will. Vielleicht begreift er im Judentum eine unzerstörbare sittliche Kraft; aber sein volklich so eng begrenzter Geist vermochte sich nicht zu erheben, und sein religiöser Fanatismus trübte seinen Blick. So schrieb er über die Juden diese hasserfüllten, ungerechten Worte, die aber in den Augen der gerechter blickenden Menschheit ihn selbst richten müssen: ״ .... ihr Reich nähert sich, ihr volles Reich! Es beginnt der Triumph der Ideen, vor denen die Gefühle der Menschenliebe, der Wahrheitsäurst, die christlichen und nationalen Gefühle und sogar der Rassenstolz der europäischen Völker sich beugen.״ Bis zum Schluss bleibt es ungewiss, ob er das Judentum meint oder die Juden. Wer sollte hier die Menschen von der ■umschliessenden Gemeinschaft scheiden? Er vermag dieses dialektische Meisterstück. Um der christlichen Gebote willen soll den Juden alles zugestanden.werden, ״was Menschlichkeit und Gerechtigkeit verlangen.״ Aber es bleibt eine Tat des Erbarmens, der christlichen Nächstenliebe, obwohl (was Jeder für sich zu ergänzen hat) dieser Akt der Liebe unverdient und nur Erbarmen ist. Denn durch die Jahrhunderte haben die Juden nur Eines getrieben: ״Die Unbarmherzigkeit.״ Aus dem Hass seiner russischen Seele konstruiert Dostojewsky das Wesen des Judentums. * Er erzählt die Geschichte eines ״Allmenschen“, eines deutsch־־russischen protestantischen Arztes, der 84 jährig ein Heiligenleben beendete. Er wurde von den Armen vergöttert, an seinem Sarge vereinigte sich das ganze Dorf. Alle armen Juden wollten seinen Leichnam sehen und ihn zum letzten Male küssen. Hier erkennt Dostojewsky ein einigendes Band. Hier glaubt er die Judenfrage gelöst, weil sie doch überwunden ist. Die Juden haben ihre Absonderung aufgegeben, die gegenseitigen Vorurteile und Abneigungen sind verschwunden. ״Diese All-