Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1921)
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 68 (sequence 70)
- Language
- German
- Belongs to
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68 Dostojewsky nnd die Judenfrage. Völker auszubeuten, sie zu verabscheuen und zu verachten. Das ist die Quintessenz dieses Status in statu. Ausserdem gibt es natürlich noch innere und äussere Gesetze, die diese Idee lebendig erhalten.״ So hat Russlands grösster Dichter des Naturalismus das Judentum erblickt, ein fanatischer Phantast, grotesker Träumer, der zugleich die grössten Seelenepen der Moderne gedichtet hat. So begriff er das doch wohl auch ihm zugängliche aittestamentliehe Schrifttum, die biblische Ethik, die er schliesslich als Urbild des Christentums hätte erkennen müssen. Staunend und nicht ohne grosses Fremdgefühl betrachten wir dieses Phänomen von Rassenhass, Religionshass und Kulturhass. Wir schürfen tiefer und erkennen einen einseitig genialen Instinkt, ohne irgend eine tiefere philosophische oder soziologische Einsicht, naturhaft die heimatliche Scholle liebend und sie blind gegen jede Wahrheit absperrend, die von aussen kommt. Ueberhaupt ist seine Beweismethode geradezu absurd. Er glaubt, weil er als Kind eine unzuverlässige Legende gehört hat, das3 nach jüdischer Auffassung der einst erscheinende Messias den Juden alle Völker unterwerfen und sie zu ihren Füssen legen wird, und verzerrt so das gerade rein ethisch-religiöse Motiv der jüdischen Welterlöser-Hoffnung. Und an einem Punkt übertrifft er sich selbt, in kaum fassbarer Weise. Weil die jüdischen Grundsätze zum Prinzip erhoben worden sind, musste der Materialismus triumphieren, ״trat blinde, gefrässige Begierde nach persönlicher materieller Versorgung״ an Stelle aller heiligen Ideale der christlichen Gemeinschaft. Hier ging vielleicht eine jener geheimnisvollen, von ihm selbst beschriebenen und von der Wissenschaft noch ungeklärten Trübungen seines geistigen Bewusstseins vor sich, dass er nicht vor Scham ersterben musste, diese Verleumdung seinem leichtgläubigen Volke darzubieten. Dabei hat er wiederum so manchen sicheren Begriff, weil er ein psychologisches Genie trotz allem war. ״Juden ohne Gott“ kann er sich gar nicht vorstellen, er erkennt den wesentlich religiösen Grundcharakter des Judentums. Er ahnt