Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1921)
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 58 (sequence 60)
- Language
- German
- Belongs to
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58 R. Jisroel Salanter u. die Mussarbewegung. Talith und Kittel. — ln der ganzen Stadt fand sich keia er, der die Stirn hatte, üble Nachrede über ihn zu führen oder schlimm über seine Taten zu denken. Alle, auch die Rabbiner wussten, wie demütig er war und wie er sich hütete, ohne Not eine Ent- Scheidung zü fällen, dass er alles in heiliger Gesinnung und Reinheit לשם שמים tat und unbedingte Gefolgschaft im gegebenen Fall verdiente. Auch dass die Maskilim ihm mit Ehrerbietung und Liebe entgegentraten, ein Umstand, der bei einem anderen Rabbiner genügt hätte, um ihn den Frommen als verdächtig erscheinen za lassen, war bei R. Jisroel nur dazu angetan, sein Ansehen und das Staunen, über seine Grösse, die ihn hoch über der Parteien Hader erhob, zu erhöhen. Dennoch brachte ihn diese Sympathie der Maskilim in eine schwierige Situation und verursachte seinen Weggang von seiner ihm liebgewordenen Stadt Wilna. Damals tobte der Haskalahkampf, und Wilna war das Zentrum. Hier lebte Abraham Baer Micbailischker, genannt אד״ם הכהן, Lebensohn, und sein Sohn Michah, Kalman Schulman, Fünn u. a. m. Die Maskilim in der Stadt, die sich insgesamt gegen die Rabbiner völlig ablehnend und. feindselig verhielten, neigten zu R Jisroel und hielten ihn für einen Gesinnungsgenossen. In ihrem Kampf für die Haskalah beriefen sie sich auf ihn: R. Jisroel, sagten sie, stimmt mit uns überein? (Lieber das wahre Verhältnis des די״ס zur Haskalah soll weiterhin noch gesprochen werden). Als im Jahre 1848 in Wrilna durch dierussische Regierung auf Veranlassung der Maskilim das Rabbinerseminar gegründet und Männer wie אד ם הנהן u. a. zu Lehrern, bestellt wurden, schlug man R. Jisroel als Rektor für das Seminar vor. Die Maskilim wussten, dass auch R. Jisroel mit der geistigen Struktur des zeitgenössischen Judentums wenig zufrieden war, kannten seine Reden über die Notwendigkeit des klaren Denkens beim Studium der Thorah und des tiefen Eindringens in den ethischen Gehalt, der in den מצות מעשיות verborgen liegt, über den moraliscben Kern der Erzählungen (Aggadoth) unserer Weisen דל, über die geistige Entwicklung und seelische Yervolikommung als Ziel des Gesetzes, insofern es Taten fordert: so waren sie im guten Glauben, wenn sie ihn für den Mann hielten, dem alle Ziele, für die sie kämpften, lieb und wert waren, und der mit ihnen für die