Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1921)
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 48 (sequence 50)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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48 Die Prophetie. Es fehlt Auerbach au dem Gefühl ehrfürchtiger Zurück״ haltuug, welches auch dem kritisch veranlagten Juden wohl anstünde, wenn er an die heilige Literatur Israels herantritt. Er wäre sonst Torsichtiger mit Werturteilen etwa der Art, dass ,Ezechiel zu Unrecht unter die grossen Propheten gekommen sei“, dass von Jeremia zu Ezechiel ״ein gewaltiger Rückschritt“ führe und dergl. — Wir sind genötigt, dem Juden Auerbach das Zeugnis des christlichen Professors Rothstein entgegenzubalten (in der Kautz’sehen Bibel), ״dass wir Ezechiel ohne Bedenken zu den wirklich grossen Geistesmännern Judas rechnen dürfen“; ferner derselbe Gelehrte: ״ . . . eine Herabsetzung seines Werkes gegenüber dem seiner grossen prophetischen Vorgänger ist eine Ungerechtigkeit“. Wer sich vorurteilslos in das Buch Ezechiels versenkt, wird dem unbedingt beipflichten müssen, Persönlicher Geschmack mag wohl die Sprache und Stilweise des einen oder anderen Propheten vorziehen; aber unser subjektivästhetisches Empfinden darf bei grundlegenden Fragen nicht Richter sein. Wenn Auerbach von dem hohen sittlichen Emst spricht, den das Volk im Exil bewiesen hat, so hätte er nicht übersehen dürfen, dass dieser sittliche Emst in erster Linie dem Wirken Ezechiels zu verdanken ist. Das Buch Ezechiel hat alle Merkmale des echten Prophetismus, jenes Hochgebirges, das nicht eingipfelig in Jeremia, wie Auerbach meint, sondern mehrgipfelig zum Himmel ragt. — Jeremia selber würde sich mit Entschiedenheit dagegen wehren, erster Verkünder der religiösen Werte und Schöpfer der Begriffsbildungen zu sein, welche Auerbach ihm zuschreibt. Wie leichtfertig Auerbach seine Thesen aufstellt, weil neben seiner rationalistischen Betrachtungsweise die elementarsten Kenntnisse des prophetischen Schrifttums nicht bei ihm vorhanden sind, zeigt uns folgendes Beispiel. Er führt aus (S. 71): ״Dieses vierte Jahr Jojakims bedeutet auch eine Epoche für Jeremia. Seine alte Weissagung, dass der Verderber von Norden kommt, erhält einen neuen Sinn. Gleichzeitig blitzt aber ein neuer Gedanke von weittragender Bedeutung auf, der eine mächtige Erweiterung des