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Jeschurun · 1921-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1921) · p. Seite 40

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
8 (1921)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1921)
Date
1921-01-01
Page
Seite 40 (sequence 42)
Language
German
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40 Die Prophetiebehauptet. Persönlichkeiten, in welchen der als Anlage bereits vorhandene sittliche Naturtrieb ihres Volkes in’s Geniale gesteigert ist, dann ist es natürlich nicht erforderlich, zum Verständnis ihrer Wirksamkeit die Zustände Israels *auf schwarzem Hintergründe zu malen״; dann ist das Volk auch zur Zeit Jeremias ״wohl nicht besser als heute aller wärts, aber wohl auch nicht schlechter.״ Leider müssen wir sagen, dass die Mohrenwäsche, die Auerbach versucht, ein missglücktes Experiment bleibt. Hätte die Volksmoral den durchschnittlichen Charakter gehabt, den der Verfasser ihr unterlegt, dann wäre es ein Verdienst gewesen,, die Propheten als überspannte und bösartige Narren aus dem Wege zu räumen. Zu ihren immer wiederholten Anklagen, wrelche Israel in seinen breiten Massen (Jerem. V, 1—2) der grössten Sünden und Verbrechen beschuldigen, stehen die Behauptungen Auerbachs in denkbar schroffstem Gegensatz. Wenn Auerbach als den Zwreck der prophetischen Rede die sittliche Erziehung des Volkes hinstellt, müssen wir ihm natürlich rückhaltlos beipflichten, und er ist im Recht, wenn er im Gegensatz zu den jungjüdisch-mystischen Schwärmereien die ethische Forderung betont. Aber er übersteigert den.unbezw'eifelbaren Grundgedanken, dass das sittliche Tatenlebeu und nicht die mystische Versenkung den Kern der jüdischen Religion bildet. Während nach den Propheten die Heiligkeit Gottes sein hervorragendstes Attribut ist, macht Auerbach das Attribut zur Substanz. Gott und Sittlichkeit werden ihm in dem Sinne identisch, dass ״der echte Prophet die sittlichen Kräfte der Menschenseele Gott nennt“. ״Gott nnd die sittliche Idee sind eins״. Das bedeutet eine Ueberspannung des sittlichen Momentes bis zur völligen Ausschaltung jedes metaphysischen Princips. Auerbach hat kein Recht, als den religiösen Glauben der Propheten die Vergottung sittlicher Strebungen auszugeben. Den Propheten ist der Heilige Israels ein überweltiiches und realiter daseiendes Wesen und keine ethische Abstraktion! Es biesse Geschichte fälschen, wollten wir den Gott der Bibel, den allmächtigen Schöpfer des Himmels und der Erde, in die Idee der Gerechtigkeit sich verflüchtigen lassen.

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