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Jeschurun · 1921-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1921) · p. Seite 35

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
8 (1921)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1921)
Date
1921-01-01
Page
Seite 35 (sequence 37)
Language
German
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Tradition. 85 anzusehen . . Tradition und mit ihr die wahren Priester der Tradition wehren sich gegen das Abrupte, Sprunghafte im Schaffen und wollen zum Ausdruck kommen lassen, was in jungen Systemen an alten Erkenntnissen steckt. Insofern ist die Ueberlieferung auch ein Dolmetsch der Gerechtigkeit, weil sie näm- [ich jeder Periode ihr Eigentum zuspricht. Tradition ist die Mahnerin zur Bescheidenheit. Wenn im üebermut ein junger Arbeiter an der Kultur sich und sein Werk gar zu hoch stellt, dann tritt die lieber!ieferung auf den Plan und sagt ihm: שה שהיה הוא שירדה und wreist nach, in welcher Periode bereits derselbe oder ein verwandter Gedanke geltend gemacht wurde. Achtung vor den Leistungen vergangener, ja urzeitiger Geschlechter gebietet die Tradition und ist befähigt להשיג לב בניס אל אבדתם. Ja, ein eigentlicher Nationalstolz kann nicht auf den Stolz der Tradition verzichten, denn in irgend einer Form wird immer Adel der Ruhm eines Volkes sein. Und ist auch das Privileg einzelner Familien vor dein Richterstuhl der geschichtlichen. Gerechtigkeit nicht haltbar — der Adel, der im Kulturbesitz der Nation gelegen ist, kann durch keine Re- Ychition vernichtet werden. Die Tradition allein führt uns an die Schwelle der Kultur, zur Jugend der Menschheit. Sie lehrt uns. wie die gewaltigsten Schritte in jener grauen Zeit getan ־wurden; dagegen bedeutet der Fortschritt unserer Tage nur den Schritt von Zwergen im Vergleich zu Riesenschritten. Dorthin, an die Geburtsstätte menschlichen Denkens müssen wir aber zurückkehren,!vollen wir den Sinn der kulturellen Entwicklung verstehen. Wir erkennen, dass die Religion, als ■ das Streben des Menschen zu Gott, dort seine Wurzeln hat. Alle Neuscköpfungen von Religion sind im Grunde genommen Reformen dieses ersten grossen Gedankenlluges. Dem modernen Denker wird die Religion freilich durch ihr Verknüpftsein mit jenen grauen Tagen der Vorzeit zu einer primitiven Lehre, und mancher wird mit Gomte die Stufenfolge: Mythos, Metaphysik und Positivismus nicht nur für eine zeitliche sondern auch als Werturteil ansehen, in der das früheste das minderwertigste ist

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