Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1921)
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 34 (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2292929-2293004-2293005--04729-2298010- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
34- Tradition. Tradition. Von Dr. Oskar Wolfsberg־, Berlin. In diesem Aufsatz will ich nicht Y0n dem Wert und dem Gehalt der jüdischen Tradition im einzelnen sprechen. Vielmehr soll allgemein der Bedeutung der Ueberiieferung nachgegangen werden. Was Tradition leisten kann, und was nur sie bieteii kann, welcher! Platz sie in einer Zeitkultur einzunehmen befugt ist. das sei einmal untersucht. ln einem gewissen Sinn hat die Tradition bei den meisten Menschen eine gute Statt. Die Behaglichkeit und Denkträgheit der Mehrzahl kämpft gegen das Neue und klammert sich an das Alte. Aber hier ist der springende Punkt: die Treue zum Alten entstammt nicht der!Gebe zum Alten. Daher sind die s Lobredner der alten Zeit“ auch nicht die wahren Hüter der Tradition, ist das Schicksal der Tradition ein so trauriges. Denn die Fähigen wenden sich vom Alten ab. weil sie die Trägheit als Höilenhund vor der Pforte der Tradition erblicken und diese Gemeinschaft scheuen. Ebenso wenig wie die Trägen die Träger der Tradition sind, ist die Tradition die Feindin der neuen Gedanken. Sie ist nur die Vertreterin der gesicherten Erkenntnis, Anwalt der erprobten und bewährten Pfade. Sie will nicht, dass die Mühen der vergangenen Geschlechter umsonst gewesen sind : sie will verhindern, dass das Streben nach Neuartigem sich selbst unterruiniert und das Fundament vernichtet, dessen es zur Existenz bedarf. Das. was heute Tradition ist, war auch einmal jung und kühn und von Philistern deshalb befehdet. Auch die Neuerung von Heute wird einmal die Gewohnheit und Tradition von Morgen sein; unter dem Gesichtspunkt der Ewigkeit oder Zeitiosigkeit wird der Unterschied im Alter der Anschauungen gering. Tradition aber heisst die Kontinuität des menschlichen Denkens erkennen und achten; bedeutet zwar Gegensätze in der Kulturentwicklung als vorhanden hinzunehmen, sie aber doch eben als der einen selben Kulturentwicklung zugehörig