Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1921)
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 27 (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Anwendung der Psychoanalyse usw. 27 wo doch die primitive Auffassung von der totemistischen Gottesgestalt längst einem höheren Gottesbegriffe gewichen ist. Aus dieser ethnologischen, evolutionistischen Deutung heraus erklärt sich für Reik das Erschreckende, Erschütternde der verhältnismässig einfachen Tonkombinationen des Schofars: Er erweckt uralte Erinnerungen in uns; ״der Ton des Schofars, der an das Brüllen eines Stieres bei der Schlachtung erinnert, die Stimme des totemistischen Vaterersatzes, erinnert jeden Hörer unbewusst an jene alte Untat des Vatermordes, weckt sein verborgenes Schuldbewusstsein, das infolge der verdrängten feindseligen Kinderwünsche gegen den Vater in jedem einzelnen schlummert, mahnt zur Reue und Besserung,“ (Reik, p. 213). Dieser Erinnerungsprozess spielt sich unterbewusst im Seelenleben des einzelnen ab, es ist die Angst in der Vorstellung des letzten Todeskampfes des Vaters u. s. w. Sowie der an Hundephobie leidende nervenkranke Knabe zusammenschrickt beim Bellen des Hundes, so ist das unbewusste Zusammenzucken des Gläubigen beim Schofar u. s. w. Man >sieht an dieser Darstellung, in wie grenzenlos phantastische Gefilde diese wissenschaftlich ornamentierte Methode sich verirrt! Ist es nicht grotesk anzunebmen, dass angebliche Vatermordvorstellungen noch heute im Unbewussten der gegenwärtigen Juden als ererbte Vorstellungen fortieben und fortwirken! Doch folgen wir diesen methodischen Orakelsprüchen zu Ende. Weshalb wird der Rausch-Haschono für das Schofarblasen am geeignetsten gehalten? Weil da grosses Gericht gehalten wird, wer zum Leben oder Sterben bestimmt ist. Die Stimme Gottes erinnert uns an die einst verübte Untat am Vatergott, daher der Schrecken beim Erklingen des Schofars, da des Vaters Stimme. Ja, aber da sollte man doch lieber die unliebsame Erinnerung meiden? Antwort: Die Erinnerung daran ist schon verblasst und rudimentär, aber immer noch wach genug, um Triumphgefühle über den gelungenen Vatermord auf kommen zu lassen. Während wir beim Vernehmen der Schofarstimme erschreckt versprechen,