Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1921)
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 22 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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22 Die Anwendung der Psychoanalyse usw. Was hat aber diese mutmassliche Urform der Religionsübung mit dem Judentum und seinen Kultformen zu tun? Gibt es im jüdischen Ritus vielleicht rätselvolle Erscheinungen, die sich auf solche Urhorden-Erlebnisse prähistorischer Kinderzeit zurückführen und somit entwicklungsgeschichtlich deuten lassen? Jawohl, es gibt deren manche, antwortet Reik in seinem Buche, und zwei davon möchte der Verfasser ent״ rätseln, e3 ist das Problem des Kol-Nidre und das Problem des Schaufor 8. I. Das Schofar. Unstreitig gibt dem Ethnologen das Schofar viele Rätsel auf. Das Instrument, ziemlich einfach zu handhaben, die Töne ziemlich kunstlos, eigentlich nur zwei Töne, (g und d), die durch ihre dynamischen Steigerungen, durch ihre bald gezogene, bald stossweise erfolgende Vereinigung den Hörer in ganz seltsamer Weise erschüttern. Wie ist nun dieser Affekt auf die andächtigen Zuhörer psychologisch zu erklären? Lässt sich irgend ein Zusammenhang, eine Verknüpfung zwischen den Klängen des Schofars und gewissen uns unbekannten Inhalten und alten assoziativen Ereignissen und Erlebnissen des Volkes Israel herstellen? Hier knüpft Reik mit seinen auf Freuds Totemforschungen beruhenden Erklärungen an. Nachdem Reik alle die bekannten (im Sachs’schen Machsor zusammengestellten) Erklärungen für Schofar durchgeprüft hat, lässt er die seinige folgen, die für den jüdischen Leser genug des Befremdenden und Ueberraschenden bringt Ausgangspunkt für Reiks Deutung ist das Kapitel XIX im Exodus, der Bericht über die Gesetzgebung am Sinai. Dort erfolgt bekanntlich das Verbot für das Volk, sich dem Berge zu nähern und ihn zu berühren, Todesandrohung für den Zuwiderhandelnden, Schranken werden gezogen, das heisst in Freud-Reikscher Sprache: es wird ein T a b u. der Gottheit statuiert1). Dann kommt ein nach Reiks Meinung *) Vgl. meinen Artikel: Grenzlinien zwischen den Begriffen Kodausch n. Tabu. Jeschurun, Bd. II. S. 364—372.