Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1921)
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 21 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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I Die Anwendung der Psychoanalyse usw. 21 diesen Stärksten und den .'Söhnen Ueberlegenen in Gehorsam und Abhängigkeit als Gott und Häuptling verehrte, aber gleich״ zeitig gedrängt von einem inzesttrieb und von sexueller Eifersucht auf den Besitz der Mutter durch den Vater diesen ihren Vater ermordete und dann dessen Fleisch verzehrte. Diese Einverleibung war die primitivste Art der Identifizierung der Söhne mit dem geliebten und doch gehassten Vatergott. (Hier haben wir ein Beispiel für die sogen, ״ambivalenten Gefühle“, d. h. die doppelwertigen, gegensätzlichen Gefühle, die im Freudschen System eine grosse Rolle spielen. Liebe und Hass, Triumph und Reue sind solche Gegensatzpaare). In der Folgezeit, als die Söhne Reue und Sehnsucht nach dem erschlagenen Vater erfasste, suchten sie nach einem Ersatz für den Vater, und diesen fanden sie in einem ״Totem“, einem männlichen Tiere, etwa Stier oder Widder, dem sie ״in nachträglichem Gehorsam“ die Ehren antaten, die sie dem lebenden Vater nicht angetan. Diesem Tiere, dem Totem, wurde das periodische Fest der Totemmahlzeit gewidmet. Dieses Totemtier war der Ersatz für den hingemordeten Vater, führte aber allmählich zu einer Erhöhung dieses Tieres zu einer Gott־ gestalt, die göttliche Ehren empfing und dessen Stimme die Bekenner durch onomatopoetische Laute nachahmten. Das nachgeahmte Tiergebrüll bedeutete die ideelle Anwesenheit des fingierten Gottes unter seinen Gläubigen und dessen Gleichsetzung mit ihm. Bei diesen Totemmahlzeiten sorgten immer Hass und Triumph, aber auch Reue und Sühnegefühle und Schuldbewusstsein für ihre Befriedigung. Diese Verehrung des Totemtieres war die erste Form der Religionsbegründung (Totemismus). Der Totemkultus war gleichsam der Ausdruck eines Vertrags mit dem Vater oder Vater-Ersatz, m dem der Vater alles zusagte, was die kindliche Auffassung jener Urvölker oder Urhorden von ihrem Vater erwarten durfte, nämlich Schutz, Fürsorge und Schonung, wogegen die Kinder sich verpflichteten, sein Leben zu ehren und zu schonen, d. h. jene erste Mordtat an ihm nicht zu wiederholen, durch die der wirkliche Vater zugrunde gegangen (s. Freud, 1. c. p. 134).