Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1921)
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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8 Die Aufklärung. Offenbarungsglauben zusammengetragen. In Paris und Genf wurde das Buch als ketzerisch verbrannt. Und dennoch: mit welcher Energie kämpft Rousseau gegen den Materialismus eines Diderot und Condillac, eines Helvetius und Holbach für den Gott, der mit Seinem Willen das Weltall bewegt, für die Freiheit des Willens, die Unsterblichkeit der Seele, wie tritt er den Zänkereien über den Widerstreit von Glauben und Denken bei den Philosophen und deistischen Theologen entgegen im Namen der Religiosität des Herzens. Mit den Worten: ״Wenn es eine Feigheit ist zu dulden, dass von einem abwesenden Freund übel gesprochen werde, so ist es ein Verbrechen, wenn man duldet, dass von Gott übel gesprochen wird, der gegenwärtig ist“ drohte er einmal eine Gesellschaft philosophischer Schöngeister, die sich in leichtfertigen Gotteslästerungen ergingen, zu verlassen (zitiert a. a. O. S. 431). Es sind nicht viele neue Gedanken, die er über Religion ausspricht, aber sie sind verinnerlicht und vertieft und mit glühendem Enthusiasmus vorgetragen. Und wie sie aus einem von Erregung über die neuen Empfindungen fiebernden Herzen kamen, so wirkten sie erschütternd und aufrüttelnd auf die Herzen der ganzen Kulturwelt. Und endlich die deutsche Aufklärungsperiode. Gründlich, wie alles Deutsche, ist sie entsetzlich flach und platt in der >ersten Hälfte ihrer Entwickelung, ohne die Beziehung zum Leben wie die englische, ohne die Grazie der Franzosen. In der Wissenschaft Christian Wolff und die Wolffianer, (denn Leibnitz kann man aus mannigfachen Gründen noch nicht zu ihr rechnen) in der Literatur die Gottsched und Bodmer, der Kreis der Bremer Beiträge, sie haben alle für uns nur literarhistorisches Interesse. Um 80 gewaltiger heben sich dann aber diejenigen heraus, die jene Aufklärungsperiode krönen und tiberwinden: Lessing und Herder, Kant, Schiller und Göthe. Was sie lür die Menschheitskultur bedeuten, ist jedem Leser dieser Zeitschrift bekannt und bedarf hier keiner Darstellung. Sie sind auch für die Religion die Schöpfer des Zeitalters der Humanität, eines Zeitalters, dem die harmonisch gebildete in sich geschlossene Persönlichkeit das Ideal war. Keine