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Jeschurun · 1921-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1921) · p. Seite 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
8 (1921)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1921)
Date
1921-01-01
Page
Seite 6 (sequence 8)
Language
German
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6 Die Aufklärung*. sucht wird gegeisselt. Und auch in seinen ernsten Schriften hat er, da er nicht müde wird, fast in jedem Werk das Uebergewicht der Moral über den Glauben zu betonen, der positiven Religion Abbruch getan. Aber seine Bedeutung als Philosoph wird selten gewürdigt und weniger noch, wie glühend er für die Grundlagen des Deismus eingetreten, die doch schliesslieh auch Grundlagen des Theismus sind: für die grossen Wahrheilen von dem Walten eines allmächtigen und allgütigen Gottes und der Unvergänglichkeit der Menschenseele. Und wenn er in ״Candide“ jene schneidende Satire gegen den Optimismus schreibt mit dem stetig widerkehrenden Refrain: Tout est pour lemieuxdans le meilleur desmondespossibles, wo der von allen Schicksalsschlägen, heimgesuchte Gute sich immer zuruft גם זו לטובה, so zittert hier die Erregung nach über das Lissaboner Erdbeben. Voltaire hat wie die Besten seiner Zeit Jahre gerungen um seinen Gott und dessen Weltoränung. Es gibt ja nichts, was den Abstand zwischen unserer als religiös ausgegebenen Zeit und jener oft als religionslos gekennzeichneten der Aufklärung besser charakterisiert als eine Vergleichung des Eindrucks, den seiner Zeit das Erdbeben von Lissabon mit dem, den in unserer jüngsten Vergangenheit das von Messina gemacht. Hier der plötzliche Untergang einer vierfachen Anzahl von Menschenleben als 175b in Lissabon. Und damals eine Erschütterung im Menschengeschlecht, das sich Jahrzehnte nicht hindurch beruhigen konnte, und eine ganze Flut von Schriften über die Theodicee, die Frage״ nach der göttlichen Gerechtigkeit, brachte, ein Beweis, wie ernst man es mit dem religiösen Besitz nahm, bei uns s. Z. nach Messina kaum drei Wochen innerer Teilnahme und von religiöser Erregung und Erhebung keine Spur. Voltaire aber bat die Zweifel niedergekämpft und seine teleologischen Auseinander- Setzungen, seine Darstellung von der wunderbaren Zweckmässigkeit in der Natur, die sich dabei doch frei hält von den Lächerlichkeiten der ihm vorausgehenden und folgenden Aufklärer besonders in Deutschland hat ihres Gleichen nicht, auch nicht bei den jüdischen Religionsphilosophen. ״Wenn Gott nicht existierte, so müsste man ihn erfinden״, das ist das Witzwort, von dem er nicht lassen

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