Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1920)
- Date
- 1920-11-01
- Page
- Seite 601 (sequence 105)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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R Jisroel Salanter u. die Mussarbewegang. 601 nach ihnen richten und den Strom seines Denkens, der über die Ufer zu treten drohte, auf das Thema, das in seiner מודעה bezeichnet war, beschränken könne. Als nun an jenem שבת E. Jisroel zur Kanzel emporging und ihm der Schamosch das Blatt mit den Zitaten reichte, da erbebte er, als er einen schnellen Blick auf den Zettel warf, und wurde weiss wie Schnee. Zehn Minuten wohl stand er unbeweglich da, und nur sein bleiches Gesicht und sein zitternder Körper ließen auf den Sturm in seinem Herzen schließen. Ganz allmählich erst kehrte ihm die innere Ruhe wieder — er begann seinen Vortrag mit gewohntem Scharfsinn zum Staunen aller Kundigen. Nach Schluß seines Vortrags traten zwei Jünglinge vor und baten ihn um Verzeihung, dass sie ihm aus IJebermut eine Falle gestellt hätten, indem sie statt seines Zettels einen anderen mit anderen Zitaten, die sie selbst ersonnen hatten, gereicht hätten. Diese Geschichte habe ich von R. N. Amsterdam an einem der Purimfeste im Kreise der Bachurim von Slabodke gehört (s. 0.). Und unser Lehrer fügte hinzu: Glaubt nicht etwa, daß E. Jisroel auch nur einer kurzen Vorbereitung zu seinen großen, schweren Pilpulim bedurft hätte. Seine Geisteskraft wrar über alle Menschenbegriffe erhaben, und er war imstande, seine bedeutenden und komplizierten חרושים, die er zu den Problemen gab, in einem Augenblick zu konzipieren. (E. Naphthali bezeugte, daß E. Jisroel einmal in einem kleinen Kreis vertrauter Freunde geäußert habe, er stehe an Scharfsinn den großen Geistesfürsten der früheren Zeiten nicht nach und könne jederzeit, wenn er wr011e, eine ganze Bibliothek Werke nach Art des נודע ביהודה oder der אודים וחומים verfassen, und doch hat er kaum einige Zeilen geschrieben, die dem Werk הינ-ת הלבבות entsprechen; dies habe ich oft von R. N. Amsterdam im Zirkel der Zöglinge der Jeschiwak vernommen}; und doch waren ihm jene zehn Minuten auf der Kanzel eine Spanne schwersten Seelenkampfes. Zunächst zuckte ihm ein Gedanke durch den Kopf: er wollte erklären, dass er den vorbereiteten Pilpul vergessen habe, und von der Kanzel ״wie ein Gefäß voll Scham“ (ככלי מלא בושה) hinabsteigen; doch zuletzt siegte ein anderer Gedanke: er war ja nicht empor-