Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1920-11-01 · Heft 11-12 (November 1920) · p. Seite 597

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
7 (1920)
Issue
Heft 11-12 (November 1920)
Date
1920-11-01
Page
Seite 597 (sequence 101)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2292929-2292996-2293003--04654-2297936
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

R. Jisroel Salanter u. die Mussarbewegung. 697 R. Sundei pflegte nach Axt der Frommen seiner Zeit, eine Stunde am Tage der Zurückgezogenheit zu widmen (der Sinn dieses in der Mussarliteratur geläufigen Begriffs ist: sich den Augen der Menschen entziehen und sich geistigen Dingen zuwenden, dem Aufbau des Seelenlebens und derZ wiesprache des Menschen mit seiner inneren Welt); zu diesem Zwecke entfernte er sich von seinem Hause und ging auf den Feldern ausserhalb der kleinen Stadt spazieren. Während des Spazierganges lernte er auswendig allerhand ethische Worte aus dem talmudischen und ro^-Schrifttum, um Herz und Verstand mit Gottesfurcht zu sättigen. Keiner kannte in der Stadt diese Gepflogenheit von R. Sundei. Nur der Knabe kam hinter das Geheimnis und stahl sich leise hinweg, um ihm zu folgen, und achtete von seinem Versteck aus auf alles, was R. Sundei tat. Ein mal bemerkte dieser des Knaben Nähe, wandte ihm sein Gesicht zu und sah, wie er dort am ganzen Körper zitternd dastand. Da gab er ihm mit der Hand einen Wink und sprach mit milder Stimme: ״Jisroel, lerne Mussar, und Du] wirst ein wahrer Frommer werden“. Dieser kurze Satz, den der alte Lehrer zu dem Kind sprach, hat die Mussarbewegung in Litauen und Samogetien geschaffen. R. Jizchak Blaser und R. Naphtali bekunden übereinstimmend, dass diese Worte sich in das Herz des R. Jisroel senkten wie ein Pfeil aus dem Bogen (so sagt R. Jizchak Blaser) und eine glühende Flamme wurden (R. Naphtali Amsterdam; siehe אור״־יישדאל S. 31 und 124); von diesem Augenblick an war er geistig wie umgewandelt. Bisher hatte er seine ganze geistige Kraft dem Studium des Talmud und der Dezisoren gewidmet und sich durch seinen aussergewohnlichen Scharfsinn in ihnen ausgezeichnet; denn er beherrschte ganz ש״ס und Tossaphoth in wunderbarer Dialektik, so dass die Koryphäen seiner Zeit über dieses seltene Phänomen staunten; sie sagten von ihm, dass er neues Licht über die Methoden des Talmud und das halachische Studium verbreite (so R. J. Blaser in seinem zit. Werk S. 109). Als er aber die Worte seines bescheidenen Lehrers vernahm, da beschloss er in seiuem Herzen, einen anderen Weg einzuschlagen und all sein Mühen dem einen Studium zu schenken, das der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.