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Jeschurun · 1920-11-01 · Heft 11-12 (November 1920) · p. Seite 546

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
7 (1920)
Issue
Heft 11-12 (November 1920)
Date
1920-11-01
Page
Seite 546 (sequence 50)
Language
German
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§46 Von den Aufgaben usw. gleichsam hei der Seele ״Leistungen“, die noch nicht gereift sind, oder die ihr nicht entsprechen. Immer können voluntaristische Akte entscheidende Abweichungen von der Linie der Aufrichtigkeit bewirken. Ebenso wie es im gesellschaftlichen Leben Maskierungea gibt, zu denen man seine Zuflucht nimmt, um mehr zu gelten, so gibt es auch im Reiche des Schrifttums Treulosigkeit des Verfassers gegen sich selbst. Ob man nun Geltung auf dem Weg der Mode sucht, dem herrschenden Stil und Geist folgt oder eigenwillig Schritte tut, die auf unbesehrittenen Pfad führen — weder Anpassung noch Auflehnung sind hinreichende Kriterien der Echtheit. Mensch und Werk divergieren fast immer und oft sogar beträchtlich. Ja, was eigentlich stillschweigend Voraussetzung sein sollte, wird geradezu zum besonderen Ruhm eines Denkers: die Uebereinstimmung von Persönlichkeit im Leben und Gestalten im Werk. Wenn Brandes John Stuart Mill diese Grösse zuerkennt und hinzufügt, dass meistens der Mensch hinter dem Verfasser zurückbleibt, so ist beides gewiss wahr. Doch müssen wir diesem Sachverhalt noch ein wenig nachgehen. Die Tat־ Sache, dass es nicht selbstverständlich ist, wesensgemäss und in vollendeter Ehrlichkeit zu schaffen, macht die Geschichte des Schrifttums und das Werden jedes Autors so belebt und an Irr־ fahrten reich wie das Leben der Menschheit selbst Ohne die Frage der Freiheit anzuschneiden, scheint es doch dem Schriftsteller in gleicher Weise wie dem Menschen überhaupt gegeben, wesensgemäss zu sein d. h. sich frei zu macheu von trübenden Einflüssen. Ist es dem Autor, wie dem Menschen, nicht vergönnt, von Anbeginn sein Wesen in Reinheit zur Geltung zu bringen, so trägt er doch die Fähigkeit in sich, dahin zu gelangen. Ja, es ist geradezu die Ethik des Schriftstell er,,berufes“ (im echten Sinn des Berufenseins), die Kongruenz von Persönlichkeit und Werk herbeizuführen. Und wie immer man über das Freiheitsproblem als eine metaphysische Frage denken mag: ebenso wenig, wie wir den sittlichen Freiheitsbegriff und den ihm zugeordneten Begriff der Verantwortlichkeit iunerhalb der Ethik bezweifeln, werden wir die Forderung aufgeben, dass ein Schrift-

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