Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1920)
- Date
- 1920-11-01
- Page
- Seite 541 (sequence 45)
- Language
- German
- Belongs to
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. Aus dem Leben der Schule. 54 L Krieg als jüdisches Erlebnis in meine Hand; ״was riss den Juden״, heisst es da, ״aus dem Heimweh empor, gellte der Schofar, oder Kol nidre zitterte um sein Ohr, schimmerte der achtarmige Leuchter vor ihm, oder der Seder lud ihn zum Brote des Elends, ja glänzte auch nur der Schein einer Sabbathkerze?“ Nicht an den herrlichsten Prophetenworten und Psalmliedern hatte sich das jüdische Gemeingefühl befestigt und ״verhaftet״, sondern an dem unmittelbaren Erlebnis— eben dem, was die Verständnislosigkeit ״Zeremonie“1) genannt batte. Gewiss haben wir, die wir jüdisches, religiöses Gemeingefühl pflegen, zu beachten, dass das Geistige, das wir im Sinnfälligen suchen, in der Bibel zu reinster Entfaltung kommt und dass zu den Lebensordnungen des Judentums das Forschen im göttlichen Worte nicht minder gehört, wie das Beobachten eines Festtagsgesetzes. Und gewiss haben wir unseren Schülern zu zeigen, dass sich die Erweiterung des religiösen Bewusstseins zur religiösen WeltundLebensanschau ung, zur Lösung politischer und sozialer Fragen aus dem Geiste der Religion, nur auf Grund des sorgfältigsten Studiums jüdischen Schrifttums erfolgen kann: in welcher Weise, habe ich an anderer Stelle־) darzutun gesucht. Allein nicht minder wichtig wie derartige Darstellungen und Auswertungen der Ideen des Judentums scheint mir — für den äusseren Bestand wie für die religiöse Kräftigung unserer Gemeinschaft — das innerliche Verstehen jener Lebensformen, durch welche das aus ״warmer Menschenbrust“ und der Musik aus ״kalten Orgelpfeifen“ (Rabbi von Baclierach Kap. II) zuzustimmen und — es offen heraus- Zusagen. *) Den Ausdruck, der ein herabsetzendes Urteil über den Wert religiöser Formen ohne Beweis erzeugt, also erschleicht, möchte ich noch bestimmter verwerfen, als es bereits Wohlgemuth, Beiträge zu einer jüdischen Homiletik 90, 2 mit Berufung auf S. R. Hirsch getan hat; auch auf Sachs’ Predigten 1^372 hätte er verweisen können. ״Ritualgesetz“, das in jedem Fall als Ersatz ausreicht, klingt zwar auch nicht warm, aber doch nicht derart kalt und steif. 2) Vgl. mein Büchlein: Zeitfragen im Lichte jüdischer Lebensanschauung, Frankfurt (Kaufmann) 1920.