Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1920)
- Date
- 1920-11-01
- Page
- Seite 516 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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516 Der neueste Ansturm usw. ist sein Verfahren dann anderes als eine Täuschung seiner Leser? Die oberflächliche Meinung von der gänzlichen Unzuverlässigkeit der Ge3chichtsberichte Israels über seine älteste Zeit ist demnach der erste Ausgangspunkt von Delitzschs Buch. Und wozu führte ihn dieser Ausgangspunkt? Erstens dahin, dass er die Patriarchen aus der Geschichte streicht. Zweitens dahin, dass er die in den Geschichtsbüchern gegebene Charakteristik der Religion Abrahams zu einem späteren Trugbild machen und insbesondere die in der Patriarchengeschichte auftretenden Verheissungen zu Lügenorakeln stempeln will. Und doch besitzt die Patriarchenreligion eine Eigenart, die sie von jeder späteren Entfaltungsphase der prophetischen Religion unterscheidet. Oder in welcher späteren Zeit hätte der Eigenname der Gottheit El schaddaj ״der allmächtige Gott״ gelautet? In welcher späteren Zeit hätte ein blosser Altar das Heiligtum vertreten, hätten nur Brandopfer und Schlachtopfer die Kultushandlungen gebildet, hätten nur die Hausväter als Kultusdiener gewaltet? In welcher späteren Zeit hätten auch insbesondere die Bundes verheissungen noch so einfach gelautet, wie in 1. Mos. 12, 1—3 usw. bis 49, 10? *) Und wie darf überhaupt den prophetischen Geschichtsschreibern zugemutet werden, dass sie ohne tatsächlichen Anhalt die Gestalt ihrer zeitgenössischen Religion in die Vergangenheit zurückgetragen hätten? Einen solchen Täuschungsversuch kann den Propheten nur der andichten, der nicht einmal Jesajahs Satz ״Wehe denen, die das Böse gut und das Gute cbös neunen usw.!5,20) ״) bei der Würdigung der Propheten; beachtet. Wann ist Begriffs- Verdrehung oder Umwertung aller Werte, um mit Nietzsche zu sprechen, so klar durchschaut und so laut gebrandmarkt worden, wie in diesen Worten des hebräischen Demosthenes? Welche gewissenlose Pflichtversäumnis eines Beurteilers der Religions- 1) Welche Ungeschicklichkeit ist es also, wenn man behauptet: ״Die Religion Abrahams ist in Wirklichkeit die Religion der Sagenerzähler, die sie Abraham zuschreiben“ (Gunkel in seinem Genesiskommentar 1910, S. LXXXIX).